Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Praxislexikon Lyrik

Parodie

Eine Parodie ist (in der Lyrik) die komische Nachahmung eines bestimmten Textes, einer Textsorte oder eines Stils. Dabei bleiben die Formmerkmale und teilweise Formulierungsbruchstücke erhalten.

Parodie in der Praxis

Mit der ersten Strophe aus Goethes bekanntem Liebesgedicht „Nähe des Geliebten“ sollen die Merkmale einer Parodie in Abgrenzung von Kontrafaktur und Travestie verdeutlicht werden..

Ich denke dein, wenn sich im Blütenregen
Der Frühling mahlt;
Und wenn des Sommers mild gereifter Segen
In Ähren strahlt.
(Friederike Brun: Ich denke dein)

Das ist das Original, bei dem die verschieden langen Verse besonders auffallen. Goethe machte daraus:

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.
(Goethe: Nähe des Geliebten)

Goethe nutzt das Bauschema für ein zwar themenähnliches, aber ganz eigenes Gedicht, ohne zu versuchen, sich über das Original lustig zu machen. Das nennt man Kontrafaktur. Themenähnlichkeit ist keine Bedingung der Kontrafaktur, sondern nur die Nachahmung der Formmerkmale eines Textes ohne beabsichtigte komische Effekte.

Ich denke dein, wenn aus den Wolken oben
Der Donner kracht!
Oft hast du's ja, mit Schelten und mit Toben,
Ihm nachgemacht.
(Otto von Plaeckner: Nähe der lieben Frau)

Und dies ist die Parodie auf Goethe Gedicht. Hier wird eindeutig versucht, die Vorlage lächerlich zu machen, wobei wieder Formmerkmale und einige Textstücke erhalten bleiben. Wichtig für eine Parodie ist zudem, dass die Vorlage einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, sonst müsste man als Leser annehmen, dass es sich um einen komischen Text handelt, der auf eigenen Füßen steht. Die Parodie steht jedoch immer auf den „Schultern eines Riesen“, nämlich der bekannten Vorlage.

Denk ick an dir,
wenn der Rauch auße Schlote kommt?
Denk ick an dir,
wenn datt Öl auf'm Fluss schwimmt?
Abbasiamaria denk ick an dir,
wenn ick diese Scheiße seh.

Und hier handelt es sich um eine Travestie. Der Inhalt hat einen gewissen Verwandtheitsgrad, aber die Formmerkmale des Originals werden fallen gelassen, also keine Reime mehr, kein Hochdeutsch, Frage- statt Aussageform und der Lang-Kurz-Wechsel der Verse wurde umgedreht und geht am Schluss ganz verloren. Bei der Travestie steht also die inhaltliche Komisierung einer Vorlage im Vordergrund unter Nutzung einer anderen Form.

Eine Parodie muss sich nicht auf einen bestimmten Text beziehen, man kann auch den Stil eines Dichters oder einer Zeit parodieren, indem man Stilmerkmale ins Lächerliche zieht, oder eine bestimmte Textsorte wie z.B. das Sonett:

Das
ist …
Ist
was?

Das
ist …
Ist
was?

Mein
So-
nett.

Dein
Klo-
sett?

Die romanische Form des Sonetts mit dem Rreimschema abba abba cde cde ist erhalten geblieben, aber inhaltlich ist dieses Sonett sehr unsonettig.

Die Parodie „großer“ Gedichte der Vergangenheit ist im Prinzip auch eine gute Übung für das Arbeiten mit dem Metrum in gereimten Gedichten, da die Klassiker in der Regel korrekt beim Metrum arbeiteten. Weil die Form erhalten bleiben soll, fängt eine Parodie bereits damit an, dass man schlicht einige Wörter passgenau im Hinblick auf die Betonungen ersetzt, ohne sich groß um den Sinn des neuen Textes zu kümmern. Dies ist mit Sicherheit die einfachste und unterhaltsamste Form, sich mit dem Metrum vertraut zu machen.