Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Metapher

Eine Metapher ist ein Wort, das nicht die einfachste, wortwörtliche, sondern eine im übertragenen Sinn gemeinte Bedeutung hat, weil es aus einem anderen thematischen Bereich kommt als der Textzusammenhang oder die Kommunikationssituation erwarten lässt. Die Metapher ist etwas und ist es gleichzeitig offenbar nicht [vgl. Kurz 2004: 23].

Metapher in der Praxis

Die Verwendung von Metaphern ist nichts Besonderes. Metaphern drängeln sich in die alltägliche Sprache immer wieder dazwischen, dafür braucht man weder einen scharfen Verstand noch eine scharfe Zunge. Beweis: Können sich Metaphern wirklich „drängeln“? Sind Verstand und Zunge wirklich „scharf“? Und damit ist auch gleich die einfachste Methode enthüllt (Kann man Methoden „enthüllen“?), Metaphern zu entdecken: Man verstehe Wörter wie ein dreijähriges Kind in der einfachsten wortwörtlichen Bedeutung (Frage: ... wirklich …?), dann merkt man schnell, wie viele Wörter im übertragenen, also metaphorischen Sinn gebraucht werden und eigentlich aus einem ganz anderen Sinnzusammenhang stammen.

Ob ein Wort eine Metapher ist, hängt fast immer vom Zusammenhang ab und ist auch nicht auf eine Wortart begrenzt. Verben, Adjektive oder Substantive können Metaphern sein. Nur wenige Wörter haben die Metapher eingebaut, wie etwa Wolkenkratzer oder Schweinehund. Hier kratzt niemand an Wolken und etwas, das halb Schwein, halb Hund ist, gibt es noch nicht, also sind es immer Metaphern.

In der Lyrik galt es lange Zeit als schick, besonders ausgefallene Metaphern zu verwenden. Nur sind Metaphern kein Selbstzweck oder Schmuckelement, sondern durch den Gebrauch von Wörtern im übertragenen Sinn ergibt sich ein Bedeutungszuwachs, das assoziative Potenzial eines Gedichts steigt erheblich und damit auch seine Interpretationsmöglichkeiten. Ein Beispiel aus dem Barock:

Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen.
Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid.
Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.
(Andreas Gryphius: Menschliches Elende)

Hier sind die Metaphern leicht zu erkennen, denn ein Mensch ist eben nicht wirklich ein Wohnhaus, ein Ball, ein Irrlicht usw. Die menschliche Ebene und die gewählten anderen thematischen Ebenen passen nicht zusammen. Warum versucht der Dichter trotzdem sie passend zu machen? Er führt den Leser weg vom Menschen als Lebewesen aus Fleisch und Blut hin zu einem Objekt, einer Hülle, einer vorübergehenden Erscheinung. Warum er das tut, wird dann im weiteren Verlauf des Gedichts klar.

Genau andersherum wirken die Metaphern im folgenden Gedichtausschnitt. Die Aussage „Du tust mir gut“ wird durch die Metaphern körperlich fühlbar:

Du bist
der warme Sonnenstrahl
an einem kalten Frühlingsmorgen;
der sanfte Abendwind
nach einem langen, heißen Tag; …
(Emanuel Mireau: Du bist)

Um den jeweiligen Metapherkern zu finden, muss man wieder „dumm“ fragen: Ist ein Mensch wirklich ein Sonnenstrahl? Ist ein Mensch wirklich ein Abendwind? Nein, die thematischen Bereiche sind völlig unterschiedlich. Die nähere Beschreibung der Metaphern liefert körperlich erfahrbare Gefühle statt profaner oder abstrakter Gefühlsbeschreibungen. Die Metapher ist also nicht Ersatz für ein „korrektes“ Wort, sondern geht darüber hinaus ins Unaussprechliche oder ungenügend Auszudrückende.

Fürs Schreiben und Interpretieren von Gedichten ist die Frage also immer: Was bietet die Metapher durch ihre übertragene Bedeutung an zusätzlichen Charakterisierungen, Assoziationen?

Verwendete Literatur:
Gerhard Kurz (2004): Metapher, Allegorie, Symbol (5. Auflage), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 09.08.2018