Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Praxislexikon Lyrik

Freie Verse

Freie Verse ist die Bezeichnung für eine Gedichtform, bei der ganz oder sehr weitgehend auf Reime und ein regelmäßiges Metrum verzichtet wird. Falls der Text unterteilt wird, dann in Abschnitte, nicht in Strophen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Freie Verse als die bevorzugte Form in der deutschen Lyrik verwendet [vgl. Knörrich 2005: 71].

Freie Verse in der Praxis

Es gibt zwei Formen, die Freien Versen ähnlich sind, sich aber von ihnen unterscheiden. Madrigalverse, die erste Entfernung vom regelmäßigen Versverbund, setzen noch deutlich auf Reime und teilweise metrische Strukturen. Die ungereimten Freien Rhythmen sind eine historische Vorstufe (Klopstock, Sturm und Drang), die sich an antiken Odenmaßen orientierte und eine „hymnische Stilhaltung“ bevorzugte [vgl. Knörrich 2005: 69] .

Im Vordergrund steht bei den Freien Versen die Einheit von Form und Inhalt. Eines der wichtigsten Mittel dafür sind die Lesepausen durch Zeilenumbrüche, die oft jenseits der vom Satzbau gesetzten Pausen erzeugt werden [vgl. Reallexikon 2007-1: 631f] . Daraus folgt, dass man als Schreibender und Interpretierender sehr genau auf die Länge und den Schluss jedes Verses schauen sollte.

Die Länge eines Verses kann die Lesegeschwindigkeit eines Gedichts beeinflussen, wenn sowohl längere als auch kürzere Verse verwendet werden. Tendenziell nehmen kurze und lange Verse etwa die gleiche Lesezeit ein. Das bedeutet, lange Verse müssen schneller gelesen werden, kurze Verse langsamer und die Pause am Vers-Schluss zieht sich länger. Dadurch kann Wichtiges hervorgehoben werden. Ein Beispiel:

Wie aber muss der erste, der das Tier
Erschlug, herzlich erschrocken sein –
Da, als er sah, dass das, was flatterte,
Was sprang und schreien konnte und im Sterben noch
So flehende Welt in den Augen hatte,
Mit einemmal
Nicht mehr da war.
(Alfred Lichtenstein: Beim Betrachten einer Menschenlunge in Spiritus)

Mit Langzeilen und Enjambements erzeugt der Dichter ein hohes Lesetempo, das im vorletzten Kurzvers abrupt gestoppt wird, als der Tod eintritt. Form und Inhalt entsprechen einander.

Auch sollten die Enden der Verse auf ihre Betonungsstruktur (Kadenzen) untersucht werden. Wird der Lesefluss durch eine Schlussbetonung gestaut? Oder wird durch ein unbetontes Ende zum „Durchlesen“ aufgefordert. Oder überspielt der Satzbau die Betonung? Im obigen Beispiel ist der Satzbau in den Vers 1/2 und 4/5 stärker als die potentiell stauende Betonung von „Tier“ bzw. „noch“. Im vorletzten Vers jedoch hilft die Betonung der letzten Silbe „die Luft anzuhalten“ und eine Spannungspause einzulegen. Da es an einem regelmäßigen Metrum mangelt, ist der Rhythmus des Zeilenflusses von besonderer Bedeutung für die Interpretation eines Textes in Freien Versen.

Auch wenn Freie Verse mit prosanaher Textgestaltung den Eindruck erwecken, als ob der Dichter ein Gedicht einfach so herausgeschrieben hätte, ohne sich die Arbeit mit Reim und Metrum machen zu müssen, ist es tatsächlich nicht einfacher, ein Gedicht ohne feste Strukturen zu schreiben. Da es keine Regeln gibt, ist der Dichter ganz auf seine eigene Erfahrung und sein eigenes Sprachgefühl zurückgeworfen, auf die alleine er sich jedoch nicht verlassen kann, weil jeder Text andere Ansprüche an seine Form stellt. Hier eine Einheit von Inhalt und Gestalt zu finden, die den Eindruck einer unumstößlicher Anordnung erweckt, ist ein Kunststück, das auch von Können kommt.