Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Praxislexikon Lyrik

Zeilenstil

Beim Zeilenstil entsprechen Verse Satzbaueinheiten. Das können ganze Haupt- oder Nebensätze sein, aber auch andere Satzteile, die in sich abgeschlossen sind und keine Fortsetzung übers Zeilenende hinaus verlangen, also zu einer Lesepause führen. Das Gegenstück zum Zeilenstil sind Verse mit Enjambements.

Zeilenstil in der Praxis

Es ist nicht notwendig, dass im gesamten Gedicht Vers- und Satzbauschlüsse übereinstimmen, um vom Zeilenstil zu sprechen. Der Begriff kennzeichnet  nicht einen Gedichtstil, sondern nur den Versstil im Gegensatz zum Enjambement. Gerade die Anordnung von Zeilenstil- und Enjambementversen innerhalb eines Gedichts ist ein interessanter Punkt für eine Gedichtanalyse [vgl. Albertsen 1984: 28].

So kann in einer vierzeiligen Strophe ein Rhythmus erzeugt werden, indem die ersten beiden Verse im Zeilenstil geschrieben, die letzten beiden jedoch durch Enjambement verbunden werden (Beispiele: Die ersten beiden Strophen in Georg Heyms Der Gott der Stadt und das Gedicht Dämmerung von Adolf Bartels).

Im Idealfall ergänzen sich Zeilenstil und Inhalt des Gedichts. So sind die beiden Gedichte Schwüle von Conrad Ferdinand Meyer und Winternacht von Gottfried Keller fast durchgängig im Zeilenstil verfasst, die Verse bilden abgeschlossene Einheiten. Beide Gedichte thematisieren passenderweise Einsamkeit und erst als Verbindungen geschaffen oder versucht werden, wird vom Zeilenstil zum Enjambement gewechselt.

Eine besondere Rolle spielt der Zeilenstil in expressionistischen Gedichten, er korrespondiert zumeist mit dem Reihungsstil, also der unverbundenen Reihung von Bildern, wie in dem berühmten Gedicht Weltende von Jakob van Hoddis. Aber auch bei den Expressionisten gibt es die bewusste Variation vom Zeilenstil zum Enjambement, wie Ernst Stadlers Gedicht Form ist Wollust zeigt, bei dem der durchgängige Zeilenstil erst am Schluss in der Quintessenz durch ein Enjambement abgelöst wird.

Ob Zeilenstil oder Enjambement vorliegt, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Gerade beim stockenden Enjambement (siehe Enjambement-Artikel) wirkt der Satzbau in einem Vers oft „fertig“, erst der nachfolgende Vers zeigt, dass eine Weiterführung des Satzbaus und damit ein Enjambement beabsichtigt war. Es ist also wichtig, Verse nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang, um bei einer Interpretation die richtige Entscheidung zwischen Zeilenstil und Enjambement zu treffen.

Verwendete Literatur:
Leif Ludwig Albertsen (1984): Neuere deutsche Metrik, Bern: Peter Lang AG

Praxislexikon Lyrik: Alle Begriffe von A-Z
Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016