Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Praxislexikon Lyrik

Vers

Ein Vers ist eine vom Autor strikt festgelegte Reihe von Wörtern. Die Länge des Verses ist somit unabhängig vom vorgebenen Raum einer Veröffentlichung. Im Druck werden „überlange“ Verse dann z.B. rechtsbündig in der nächsten Zeile weitergeführt.

Vers in der Praxis

Verse sind das konstituierende Merkmal eines Gedichts.  Während bei  traditionellen Gedichten durch Metrum und Reim ein Vers Erwartungen in Hinblick auf Wiederholung und Variation dieser formalen Merkmale weckt, ist im modernen Gedicht die Versgestaltung die letzte Abgrenzung zur Prosa.

Die wichtigste Wirkung von Versen beim Lesen ist: Sie schaffen zusätzliche Pausen im Vergleich zu Prosazeilen. Dies gilt auch, wenn ein Vers einen abgeschlossenen Satz enthält. Die Pause durch das Versende ist nachdrücklicher als allein durch einen Punkt.

Verse fügen einem Text eine zusätzliche Dimension hinzu, die beim Schreiben und Interpretieren genutzt werden kann. Sowohl bei klassischen Reimgedichten als auch bei modernen freien Versen muss der Autor Entscheidungen treffen, wie sich Satz- und Versbau zueinander verhalten. Im Zeilenstil ordnet sich der Satz dem Vers unter, beim Enjambement überspielt der Satz die Versgrenze.

Bei den so genannten Schriftlichen Versen hingegen orientiert sich die Versgestaltung nur an der Optik, d.h. die Verse werden möglichst gleichlang belassen, es wird darauf verzichtet, Inhalt und Vers zu einer Einheit zu verschmelzen.

Verwendete Literatur:
Alwin Binder u.a. (1987): Einführung in Metrik und Rhetorik (5. Aufl.), Frankfurt a.M.: Scriptor Verlag
Klaus Weimar (Hrsg.) (2007): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band 3 (3.Auflage), Berlin: Walter de Gruyter

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 18.06.2017