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Praxislexikon Lyrik

Tonbeugung

Eine Tonbeugung ist die Betonung einer Silbe entgegen dem üblichen Sprachgebrauch zugunsten des Metrums. Das heißt eine eigentlich betonte Silbe ist im metrischen Schema in einer Senkung, eine eigentlich unbetonte Silbe in einer Hebung platziert.

Tonbeugung in der Praxis

Voraussetzung für den Einsatz von Tonbeugungen ist ein regelmäßiges Metrum. Ist das Metrum nicht regelmäßig, gäbe es keinen Grund zur Tonbeugung. Man könnte den Text entsprechend der natürlichen Betonung lesen. Dabei sollte die Tonbeugung nicht als Notfallmaßnahme missbraucht werden, um das Metrum einzuhalten, sondern der Hervorhebung von Inhalten dienen:

Der Reim verfälscht Gedanken,
das Metrum mischt sie auf;
wo Silben betont zanken,
beginnt des Unglücks Lauf.

Um den dreihebigen Jambus aufrechtzuerhalten, müsste im dritten Vers im Wort „betont“ die erste Silbe betont werden statt wie üblich die zweite.  Sonst käme es durch eine Akzentverschiebung zum Hebungsprall der zweiten Silbe von „betont“ mit der ersten von „zanken“. Beides ist eine mögliche Lesart und illustriert das Problem, das im Vers beschrieben wird.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, dass es zitternd stand.
(Hugo von Hofmannsthal: Die Beiden)

 Hier hat der vierhebige Jambus im dritten Vers nur Bestand, wenn per Tonbeugung „nachlässiger“ auf der zweiten und nicht auf der ersten Silbe betont wird. Dies könnte man als Hinweis verstehen, dass es mit der Lässigkeit vielleicht nicht ganz so weit her ist, sie etwas gekünstelt wirkt.

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
(Joachim Ringelnatz: Die Ameisen)

Da Reime auf Lautgleichheit ab einer betonten Silbe bestehen und um im Jambus zu bleiben, müssen in diesem Ringelnatzgedicht die Ameisen aMeisen gesprochen werden.  Solche Tonbeugungen zugunsten des Reims sieht man bei Anfängern häufiger.  Man muss schon Ringelnatzgröße haben, um solch einen Fehler bewusst im allerersten Vers zu nutzen und damit erstens den Leser nicht nur inhaltlich  zu irritieren, sondern auch formal, und zweitens die Meisen in den Ameisen hervorzuholen, was auf das grundlegende Problem der Krabbler, die nach Australien wollen, hinweist: Sie sind keine Vögel.

Berggipfel erglühen,
Waldwipfel erblühen
Vom Lenzhauch geschwellt;
Zugvogel mit Singen
Erhebt seine Schwingen,
Ich fahr’ in die Welt.
(Joseph Viktor von Scheffel: Ausfahrt)

In diesem Gedicht ist das Metrum eigentlich ein zweihebiger Amphibrachys (xXx|xXx). Das ist jedoch nicht gleich ersichtlich, weil dies die erste Strophe des Gedichts ist. So liest man wahrscheinlich die ersten beiden Verse zunächst (XxxxXx). Die Tonbeugung mittels Betonung des jeweils ersten Wortes auf der zweiten Silbe „erhöht“ die Gipfel und Wipfel. Zudem sorgt sie durch Mittelreim und Amphibrachys für mehr Musikalität, die Reise erhält mehr Schwung. Auch hier steht die Tonbeugung letztlich  im Dienste des Inhalts.

Fazit: Tonbeugungen sollten beim Schreiben sparsam und inhaltsfördernd eingesetzt werden.  Sie sind kein Mittel aus der Schublade „Was nicht passt, wird passend gemacht“. In der Interpretation sind sie nur zu entdecken, wenn man das Metrum komplett durchprüft. Aber einmal entdeckt, versprechen sie einen wertvollen interpretatorischen Ansatzpunkt.

 

Verwendete Literatur:
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 25.05.2017