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Praxislexikon Lyrik

Stanze

Die Stanze ist eine Strophe mit acht Versen, bei der die ersten sechs Verse alternierend reimen (Schema: ababab), während die beiden Schlussverse einen Paarreim bilden (cc).

Stanze in der Praxis

Das meistgenutzte Versmaß bei der Stanze ist ein fünfhebiger Jambus mit abwechselnd weiblicher und männlicher Kadenz, wobei der abschließende Paarreim weiblich endet [vgl. Frank 1993: 671]. Das entscheidende Merkmal der Strophe ist die ungleichgewichtige Zweiteiligkeit: „Denn das dreimal wiederkehrende Zeilenpaar stellt doch nur die große Freitreppe dar, über der sich nun der krönende Abschluß des Reimpaares erhebt“ [Kayser 1999: 47].

Nie hab’ an deine Zukunft ich gedacht,
War ja die Gegenwart so klar und heiter!
Du hast wie eine Blume mir gelacht,
Nicht dacht’ ich an gereifte Früchte weiter;
Ob einst vielleicht ein Held in dir erwacht’,
Ob du am Fuße bliebst der langen Leiter:
Du lieblich Kind warst in dir selbst vollkommen –
Was sollte dir und mir die Sorge frommen?
(Gottfried Keller: Bei einer Kindesleiche)

Hier liefern die beiden Schlussverse die Quintessenz der Strophe. Ihr besondere Bedeutung wird nicht nur durch den Wechsel vom Kreuz- zum Paarreim deutlich gemacht, sondern auch durch den Wechsel des Vokals in der betonten Reimsilbe (von a-Lauten zum o). Statt einer Zusammenfassung wäre es genausogut möglich, etwas Gegensätzliches zu formulieren, so dass die Paarreimverse ein Gegengewicht zu den ersten sechs Zeilen bieten.

Beim Schreiben von Stanzenstrophen erfordert die Auswahl der Reimwörter für die ersten sechs Zeilen besondere Sorgfalt. Es muss genug Auswahl zur Verfügung stehen, damit die Reime nicht gezwungen wirken. Auch darf nicht die Betonung am Versende zu stark sein, sonst beginnt das Gedicht zu leiern, was man allerdings auch als Effekt nutzen kann. Im obigen Beispiel sind die Hauptbetonungen immer innerhalb des Verses, nie man Ende.

Wie das Beispiel von Gottfried Keller ebenfalls zeigt, eignet sich die Struktur der Stanze gut für Gedankengedichte, fürs Abwägen und Rückbesinnen [vgl. Arndt 1996: 160]. Allerdings steht diese Struktur auch im Ruf, konstruiert zu erscheinen, „weil sie ein ungleichförmiges Versmaß ist und sich in Strophen absondert und demnach auch überhaupt künstlicher und mehr als Werk des Dichtens wie als Form des Gegenstandes erscheint“ [Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Philosophie der Kunst, zitiert nach Kayser 1999: 48].

Eine natürlicher wirkende Abart der Stanze ist die sechszeilige Variante mit dem Reimschema ababcc. Theodor Storm demonstriert in seinem Gedicht Abseits die Vorteile dieser Variation. Es ergibt sich ein plätschernder Gang, weil der Kreuzreim nicht zu seiner liedhaften Geltung kommt. Näher an der Stanze dran durch seine inhaltliche Struktur sind die Sechszeiler in Schillers Hoffnung, wo die Schlussverse jeweils Sentenz-Charakter haben.

Verwendete Literatur:
Erwin Arndt (1996): Deutsche Verslehre. Ein Abriß (13. bearb. Auflage), Berlin: Volk und Wissen Verlag
Horst J. Frank (1993): Handbuch der deutschen Strophenformen, Stuttgart: Francke Verlag 1993
Wolfgang Kayser (1999): Kleine deutsche Versschule (26. Aufl.), Tübingen und Basel: A. Francke Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016