Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Sonett

Das Sonett ist eine Gedichtform bestehend aus 14 Versen, die auf zwei Strophen zu vier Versen (Quartette) und zwei Strophen zu je drei Versen (Terzette) aufgeteilt werden. Das Reimschema der Quartette ist zumeist ein umarmender Reim (abba - abba), ein Kreuzreim ist jedoch auch möglich. Bei den Terzetten variiert das Reimschema. Im Barock war der Alexandriner das bevorzugte Versmaß, ab dem 18. Jahrhundert setzte sich ein fünfhebiger Jambus mit weiblicher oder männlicher Kadenz durch. Eine wichtige Variation ist das Shakespeare-Sonett mit drei kreuzgereimten vierzeiligen Strophen und einem paargereimten Abschlussverspaar.

Sonett in der Praxis

Die strikte Festlegung von Reimschema und Strophenform beim Sonett lässt vermuten, dass dem auch eine bestimmte inhaltliche Struktur entspricht. Zumindest für die Gedankenlyrik, die in der rhetorischen Tradition steht, kann man ein ungefähres inhaltliches Gerüst angeben.

Demnach wäre die erste Strophe für die Vorstellung des Themas oder das Aufstellen einer These reserviert. In der zweiten Strophe folgt eine Vertiefung oder eine Gegenthese. Mit dem ersten Terzett wird die Lösung angebahnt z.B. durch explizites Benennen eines Problems oder eine Folgerung aus dem Vorhergesagten. Schließlich folgt im letzten Terzett die sentenzartige Lösung [vgl. Braak/Neuhäuser 2001: 177; Albertsen 1984: 89].

Beispiele für dieses inhaltliche Muster:

Andreas Gryphius: Es ist alles eitel
Paul Fleming: An sich
August von Platen: Wer wüsste je das Leben recht zu fassen ...
Johann Wolfgang von Goethe: Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen ...

Das in diesen Sonetten verwendete inhaltliche Gerüst ist natürlich noch weniger verbindlich als das formale. Bereits im Barock, wo eigentlich der Alexandriner Pflichtbestandsteil des Sonetts war, gab es „Ausbruchsversuche“ wie z.B. bei Andreas Gryphius’ Gedicht Die Hölle.

Spätestens seit Rilke ist auch das Sonett offen für andere Versmaße als den zum Standard gewordenen fünfhebigen Jambus. In Frühling ist wiedergekommen nutzt Rilke beispielsweise den weniger üblichen Kreuzreim zusammen mit einem Trochäus-/Daktylus-Gemisch beim Metrum, und in Der König greift er gar zu knittelartigen Versen.

Da die klassische Struktur des Sonetts einen großen Bekanntheitsgrad hat, findet man auch immer wieder Gedichte, die diese Struktur umspielen oder andeuten. Hugo von Hofmannsthal hat in Die Beiden die beiden Terzette zu einer Strophe zusammengefasst, was ja auch sinnig ist, weil es hier zum Zusammentreffen der beiden Figuren des Gedichts kommt. In den beiden Quartette hingegen werden statt These und Gegenthese jeweils Frau und Mann geschildert. Und Max Herrmann Neiße hat in Der Zauberkünstler gar ein unvollendetes Sonett geschaffen: Das letzte Terzett fehlt.

Für eine Interpretation sind Abweichungen vom „Normalen“ stets interessant, weil man davon ausgehen kann, dass der Dichter bewusst am Schema des Sonetts vorbeigeschrieben hat. Erfüllt hingegen das Gedicht die formale und inhaltliche Struktur des klassischen Sonetts, so ist der Text daraufhin abzuklopfen, wie der Dichter die Sonettstruktur für seine Zwecke nutzt.

Verwendete Literatur:
Leif Ludwig Albertsen (1984): Neuere deutsche Metrik, Bern: Peter Lang AG
Ivo Braak/Martin Neuhäuser(Bearb.) (2001): Poetik in Stichworten (8. überarb. Auflage), Berlin/Stuttgart: Gebrüder Borntraiger

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016