Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Skandieren

Skandieren ist die gleichmäßig starke Betonung der betonten Silben eines Verses. Sie dient der Ermittlung der Hebungen und Senkungen im Vers und des damit verbundenen Metrums. Die Begriffe Jambus, Trochäus usw. sind somit Bestandteil einer Skansions-Metrik, die nur die Basis für die Rezitation eines Gedichts ist [vgl. Breuer 1994: 72ff].

Skandieren in der Praxis

Skandieren reimt sich auf Marschieren und bei zweisilbigen Versfüßen skandiert-marschiert man durch ein Gedicht.

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst’.
(Eichendorff: Mondnacht)

Im Prinzip lässt sich das Metrum einfach feststellen, wenn man beim Lautaufsagen stupide durchmarschiert: einmal tritt man mit der ersten Silbe fest auf, mit der zweiten weniger und beim andern Mal mit der zweiten Silbe fest und mit der ersten weniger. Spätestens beim Wort Himmel bekommt man Probleme, wenn man mit dem ersten Silbe fest aufgetreten ist: „Es war, als hätt’ der Himmel“. Hier wäre nach Art des Französischischen auf -mel zu betonen. Also muss andersherum betont werden, es liegt ein Jambus vor.

Wer Schwierigkeiten mit dem Skandieren hat, orientiere sich an der Art der Betonung beim Refrain von Mein kleiner grüner Kaktus. So in etwa muss man auch das Eichendorff-Gedicht skandieren.

Ist die Folge von Hebungen und Senkungen ungleichmäßig, muss man eventuell einzelne Wörter probeskandieren, indem man sie verschiedentlich extrem betont, z.B. GE-burts-tag oder Ge-BURTS-tag oder Ge-burts-TAG. Eine weitere Hilfe können die Anmerkungen im Praxisteil beim Stichwort Hebung sein.

Verwendete Literatur:
Dieter Breuer (1994): Deutsche Metrik und Versgeschichte (3. Aufl.), München: Wilhelm Fink Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016