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Praxislexikon Lyrik

Senkung

Die Senkung ist eine im Vers unbetonte Silbe. Sie richtet sich wie die Hebung nach der natürlichen Wortbetonung, der Stellung des Wortes im Satzbau und dem Sinnzusammenhang. Zwischen zwei Hebungen stehen in der Regel eine oder zwei Senkungen.

Senkungen in der Praxis

Senkungen sind wie Hebungen nicht absolut zu sehen, sondern immer nur im Vergleich zu den benachbarten Silben als Bestandteil des metrischen Schemas. Tatsächlich kann eine Senkung in einem Versteil stärker betont sein als eine Hebung in einem anderen [vgl. Arndt 1996: 53]. Besonders auffällig ist die Relativität in der Bestimmung von Hebungen und Senkungen bei einsilbigen Wörtern:

Es fällt nichts vor, mir fällt nichts ein,
Ich glaub’ die Welt steht still,
Die Zeit tritt auf so leis und fein,
Man weiß nicht, was sie will.
(Eichendorff: Wechsel)

Zuerst ziehen die Verben die Betonungen an sich, dann müssen sie den stärkeren Substantiven nachgeben und werden zu Senkungen. Man könnte jedoch den ersten Vers auch umdrehen: „Mir fällt nichts ein und nichts fällt vor“. Dann würden die beiden Wörter fällt und nichts jeweils einmal als Hebung und einmal als Senkung dastehen, was eine übliche Methode ist, um Wortwiederholungen abzuschwächen. Zur weiteren Bestimmung von Hebungen und Senkungen fürs Metrum, siehe den Praxisteil beim Stichwort Hebung.

Senkungen werden etwas herabsetzend auch Füllungen genannt; variiert die Zahl der Senkungssilben zwischen den Hebungen, spricht man von Füllungsfreiheit. Der Einfluss der Senkungen auf den Klang eines Gedichts ist naturgemäß schwächer als bei den Hebungen, trotzdem klingt ein Gedicht mit regelmäßig zweisilbigen Füllungen (wie z.B. beim Daktylus oder Amphibrachys) anders als bei alternierenden Versmaßen, die ausschließlich Jambus oder Trochäus verwenden. Tatsächlich muss man bei regelmäßig zweisilbigen Füllungen aufpassen, dass der Text nicht ins Leiern kommt, wenn die Hebungen in etwa gleichmäßig betont werden.

Auch für die Vokalstruktur eines Gedichts spielen die Vokale in den Senkungen kaum eine Rolle. Dennoch lassen sich auch hier Akzente setzen. Novalis hat z.B. bis kurz vor Schluss in Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren ... sämtliche Verse auf -en mit weiblicher Kadenz ausklingen lassen, und damit eine spannungsaufbauenden Gleichklang erzeugt, bevor er dann zu männlichen Kadenz wechselt. Ähnlich macht es Heine in Lass die heiligen Parabolen ..., wo im ersten Teil des Gedichts sämtliche Verse mit einem e in der letzten Senkungssilbe enden, bevor deutlich variiert wird.

Schlussfolgerung: Die Senkung mag nicht die Bedeutung für ein Gedicht haben wie die Hebung, dennoch sind auch hier Auffälligkeiten der Beachtung wert.

Verwendete Literatur:
Erwin Arndt (1996): Deutsche Verslehre. Ein Abriß (13. bearb. Auflage), Berlin: Volk und Wissen Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 29.05.2016