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Praxislexikon Lyrik

Schweifreim

Der Schweifreim wird nach dem Reimschema aabccb gebildet. Inhaltlich und vom Satzbau her baut sich der Schweifraum in der Regel aus zwei Hälften mit jeweils einem Paarreim und dem „Schweif“ auf.

Schweifreim in der Praxis

Der Schweifreim ist das häufigst benutzte Reimschema bei sechszeiligen Strophen [vgl. Frank 1993: 384]. Das berühmteste Beispiel zeigt eine typische Anwendung:

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
(Matthias Claudius: Abendlied)

Die Zweiteiligkeit wird durch die Kadenzen unterstützt: die weiblichen (Vers 1, 2, 4, 5) lassen (in Verbindung mit Enjambements) den Text weiterfließen, die männlichen (Vers 3, 6) setzen die Schlusspunkte.

Kurt Tucholsky zeigt in folgender Schlussstrophe den selteneren Fall mit genau umgekehrten Kadenzen:

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wir nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.
(Tucholsky: Mutterns Hände)

Warum Tucholsky hier die Variante mit den männlichen Kadenzen in den Paarreimversen gewählt hat, ist einfach zu verstehen. Er wählte den Zeilenstil, jede Zeile ein Hauptsatz, der Text zersplittert im Gedanken an den Tod, nur ganz am Schluss gibt es eine vorsichtige Annährung zur sterbenden Mutter und das Gedicht klingt mit weiblicher Kadenz auf das zentrale Wort des Textes aus.

Außer in sechszeiligen Strophen erscheint der Schweifreim auch übergreifend in dreizeiligen. So gehört er zu den typischen Reimschemata bei den abschließenden Terzetten des Sonetts. Beispiele: Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Vergänglichkeit der Schönheit mit männlicher Schlusskadenz und Andreas Gryphius, Menschliches Elende mit weibliche Schlusskadenz. Und natürlich ist die Wahl der Kadenz auch hier wieder inhaltlich begründet.

Verwendete Literatur:
Horst J. Frank (1993): Handbuch der deutschen Strophenformen, Stuttgart: Francke Verlag 1993

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016