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Praxislexikon Lyrik

Madrigal

Das Madrigal ist eine strophenlose Gedichtform, bei der sowohl die  Reime als auch Zeilenlängen und Versmaße unregelmäßig sind.

Madrigal in der Praxis

Das berümteste Madrigal der deutschen Lyrik ist:

Goethe: Wanderers Nachtlied

Das Reimschema ist noch relativ gemäßigt unregelmäßig. Zuerst kommt ein Kreuzreim , dann ein umarmender Reim, aber im Madrigal ist es auch möglich, nicht reimenden Zeilen einzustreuen (Waisen).  Ein modernes Beispiel dafür ist Die Rache der Humpelkatze, wo die reimenden Zeilen sogar in der Minderheit sind.

Auffällig bei Goethes Gedicht ist die freie Handhabung des Metrums. Die Verse schwanken zwischen einer und drei Hebungen , wobei fleißig durchmischt wird: Trochäus (Vers 1 und 4), Jambus (Vers 2 und 3), Daktylus (Vers 5,7, und 8), Amphibrachys (Vers 6) – fast alle Versmaße sind vetreten.

Ein Madrigal scheint die Interpretation schwierig und das Schreiben leicht zu machen. Wer beim Interpretieren Probleme hat, ein Metrum zu erkennen, wird durch die Unregelmäßigkeiten vor eine besondere Herausforderung gestellt. Auf der anderen Seiten kann das Metrum tendenziell nicht so wichtig für die Interpretation sein, wenn es ständig wechselt. Hier ist es vielleicht eine gute Idee, sich auf die Vers-Enden zu konzentrieren. Zweisilbige Reime haben das Hebungsschema Xx, also weibliche Kadenz , einsilbige Reime werden immer auf der letzten Silbe betont, also männliche Kadenz. Hier lassen sich Aussagen zum Thema Zeilenstil und Enjambement und dem „Fluss“ des Textes machen.

Beim Schreiben von Gedichten ist ein Madrigal möglicherweise interessant für Dichter, die auf dem Kriegsfuß mit dem Metrum stehen, aber trotzdem gereimte Gedichte schreiben möchten. Wenn das der einzige Grund für ein Madrigal ist, wird das Gedicht damit allerdings auch nicht gerettet. Wer nicht in der Lage ist, „unter Zwang“, also mit regelmäßigen Metrum, zu schreiben, dem nutzt die Freiheit des Madrigals wenig, weil er die notwendige Sorgfalt, die eine freie Versgestaltung benötigt, nicht mitbringt.

Wie viel Überlegung selbst in einem komischen Gedicht als Madrigal steckt, zeigt die Interpretation Heimatlose von Joachim Ringelnatz. Bei dieser Interpretation muss man allerdings den Unsinn drumherum abziehen, um zum handwerklichen Kern zu kommen, der selbst bei diesem als bloße Spielerei erscheinenden Gedicht vorhanden ist.

Verwendete Literatur:
Klaus Weimar (Hrsg.) (2007): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band 2 (3.Auflage), Berlin: Walter de Gruyter

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 25.06.2017