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Praxislexikon Lyrik

Lutherstrophe

Die Lutherstrophe ist siebenzeilig mit dem Reimschema ababccb. Der letzte Vers kann auch reimlos, also eine Waise sein. Benannt ist sie nach Martin Luther, der diese Strophe im Kirchenlied verwendete.

Lutherstrophe in der Praxis

Die Lutherstrophe ist in deutschsprachigen Gedichten die meistverwendete siebenzeilige Strophe [vgl. Frank 1993: 543], ihre Form erscheint bereits im späten Mittelalter in Gedichten. Luther hat sie aus dem Volkslied übernommen. Ein neueres Beispiel:

Es war mal ein Ritter trübselig und stumm,
Mit hohlen, schneeweißen Wangen;
Er schwankte und schlenderte schlotternd herum,
In dumpfen Träumen befangen.
Er war so hölzern, so täppisch, so links,
Die Blümlein und Mägdlein, die kicherten rings,
Wenn er stolpernd vorbeigegangen.
(Heine: es war mal ein Ritter ...)

Heine nutzt die Lutherstrophe für ein komisches Gedicht. Dabei kommt ihm zupaß, dass die siebte Zeile wie eine Art Nachschlag wirkt. Im Laufe des Textes geht er vom Schlussreim ab und die Pointe steht dann wie der Ritter als Waise da. Unterstützt wird die komische Wirkung durch den Wechsel von vier- und dreihebigen Versen.

Diesem Hin-und-her zwischen Vier- und Dreihebigkeit bedient sich auch Ringelnatz in seinem Gedicht Das Mädchen mit dem Muttermal. Drei- oder vierhebige Jamben sind das bevorzugte Metrum der Lutherstrophe, der Wechsel dazwischen ist jedoch nicht zwingender Bestandteil der Bauform.

Verwendete Literatur:
Horst J. Frank (1993): Handbuch der deutschen Strophenformen, Stuttgart: Francke Verlag 1993

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 22.08.2016