Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Knittel

Der Knittel ist ein vierhebiger Vers mit Füllungsfreiheit, in der Regel paargereimt und strophenlos. Der Vers kann mit einer oder mehreren Senkungen oder mit einer Hebung beginnen. Die Kadenz kann männlich oder weiblich sein. Es wird unterschieden zwischen dem freien Knittelvers ohne feste Silbenzahl und dem strengen Knittelvers mit acht Silben bei männlicher Kadenz und neun bei weiblicher [vgl. Arndt 1996: 120f].

Der Knittel in der Praxis

Wie so oft besagt die Festlegung auf ein metrisches Schema nichts über die inhaltliche Verwendungsfähigkeit aus. Als Paradebeispiel der Flexibilität des Knittels gilt Goethes Verwendung des Verses in seinem Faust  [vgl. Kayser 1981: 69f]. Ein sehr bekanntes Ausschnitt ist Vom Eise befreit ..., auch als Osterspaziergang bekannt.

Theodor Fontane zeigt die Verwendung des Knittels einmal als Ballade in Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, wobei er den Text in Abschnitte unterteilt, und einmal in einem nachdenklichen Gedicht:  Würd’ es mir fehlen, würd’ ich’s vermissen?

Max Dauthendey wiederum zeigt, dass auch ein Liebesgedicht den Knittel schadlos verwenden kann: Oktober. Ausgerechnet Rilke schließlich verwendet einen Knittel mit leichten Variationen für ein komisches Gedicht, das einzige, das er veröffentlicht hat – Der König – und das auch noch als Sonett.

Verwendete Literatur:
Erwin Arndt (1996): Deutsche Verslehre. Ein Abriß (13. bearb. Auflage), Berlin: Volk und Wissen Verlag
Wolfgang Kayser (1981): Geschichte des deutschen Verses (3. Aufl.), München: A. Francke Verlag

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Praxislexikon Lyrik: Alle Begriffe von A-Z
Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016