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Praxislexikon Lyrik

Kehrreim

Der Kehrreim (auch Refrain genannt) ist die teilweise oder vollständige Wiederholung von Versen in einem Gedicht. Ein Reim muss damit nicht verbunden sein. Der Begriff leitet sich vom mittelhochdeutschen rim für Verszeile ab [vgl. Knörrich 2005: 113].

Kehrreim in der Praxis

Tucholsky: Mutterns Hände – Tucholsky verwendet einen einzeiligen Schlusskehrreim in einer sechszeiligen Strophe. Interessant ist, dass er die Schlusszeile erst in der letzten Strophe in einer Variation als Schweifreim einbindet, vorher war der letzte Vers jeweils eine Waise. Kehrreime, die variieren, nennt man flüssige Kehrreime [vgl. Braak/Neuhäuser 2001: 103].

Franz Werfel: Elternlied – Auch hier ist der einzeilige Kehrreim eine Waise in einer allerdings fünfzeiligen Strophe. Er wird jedoch stets an den Stophenanfang gestellt.

Conrad Ferdinand Meyer: Schwüle – Der Kehrreim in Variationen ist bei Meyer in einen Paarreim eingebunden. Er muss also jede vierzeilige Strophe mit dem gleichen Reim abschließen. Dieser Zwang führt die Intensität vor, die ein Kehrreim erzeugen kann.

Uhland: Frühlingsglaube – In diesem Frühlingsgedicht ist der Kehrreim am Schluss zweizeilig, wobei jedoch in der jeweils ersten Zeile des Kehrreims dieser verflüssigt (variiert) wird, so dass Uhland unterschiedliche Reime in den sechszeiligen Strophen verwenden kann.

Gottfried Kinkel: Ein geistlich Abendlied – Die Wirkung zweizeiliger Kehrreim in einer achtzeiligen Strophe mit Kreuzreim zeigt dieses Gedicht. Die Reime müssen für die zweite Hälfte der Strophe immer gleich bleiben!

August Stramm: Urtod – Ein Kehrreim in einem nichtstrophigen Gedicht. Die ersten drei Zeilen werden immer wieder wiederholt und geben damit dem Gedicht einen auffälligen Rhythmus.

Karl Kraus: Nächtliche Stunde – Diese Gedicht kaann man wohl als Wunder einess Kehrreims bezeichnnen, denn alle vier Zeilen der vierzeiligen Strophen sind daran beteiligt. Die ersten beiden werden jeweils komplett wiederholt, Zeile drei und vier als flüssiger Kehrreim in Variationen.

Schlussanmerkung: Der Kehrreim ist ein derart auffälliges Gestaltungsmittel, dass er bei seiner Verwendung eine wichtige Funktion haben muss. Das kann eine inhaltliche Hervorhebung sein (z.B. bei Tucholsky), eine Intensivierung eines Gefühls (siehe das Meyer-Gedicht) oder eine Rhythmisierung (z.B. bei Stramm). Zu beachten sind dabei auch die Variationen im flüssigen Kehrreim und der Einfluss des Kehrreims auf die Reimstruktur.

Verwendete Literatur:
Ivo Braak/Martin Neuhäuser(Bearb.) (2001): Poetik in Stichworten (8. überarb. Auflage), Berlin/Stuttgart: Gebrüder Borntraiger
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016