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Praxislexikon Lyrik

Katalektisch

Katalektisch (Substantiv: Katalexe) ist ein Vers, bei dem mindestens eine Senkung im letzten Versfuß eines Verses fehlt. So muss z.B. bei einem trochäischen Vers (Schema: Xx) die letzte Senkung ausgelassen werden, damit er betont (mit männlicher Kadenz) enden kann. Ein Vers mit vollständig ausgeführtem letzten Versfuß heißt akatalektisch, dies ist dann ein trochäischer Vers mit weiblicher Kadenz (Xx). Bei einem jambischen Vers (Schema: xX) muss für die weibliche Kadenz eine Senkung hinzugefügt werden, dies bezeichnte man als einen hyperkatalektischen Vers.

Der Begriff Katalektisch in der Praxis

In der praxtischen Anwendung ist die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Möglichkeiten der Katalexe nicht wichtig. Man muss nur wissen, dass die Möglichkeit besteht, am Versschluss Senkungen abzuschneiden oder hinzuzufügen, ohne dass sich grundsätzlich am Verscharakter etwas ändert. Ein dreihebiger Trochäus kann also sowohl das Hebungsschema XxXxXx (akatalektisch) als auch XxXxX (katalektisch) haben. Die fehlende Senkung im letzteren Beispiel ändert weder etwas an der Beschreibung des Metrums als trochäisch noch an der Dreihebigkeit. Die antiken Versmaße Hexameter und Pentameter enthalten sogar in ihrer „Bauvorschrift“ Katalexen. Beim Hexameter wird vom Daktylus eine Senkung, beim Pentameter sogar beide Senkungen am Versschluss abgeschnitten.

Die Begriffe katalektisch oder hyperkatalektisch tauchen manchmal in „gelehrten“ Interpretationen auf, so dass man ihre Bedeutung kennen sollte. Wichtiger fürs Schreiben und Interpretieren ist in jedem Fall die Art der Kadenz, ob männlich oder weiblich, und ihr Zusammenspiel mit dem Satzbau, Stichwort Enjambement, die zu Konsequenzen oder Schlussfolgerungen beim Versbau führen können. Ob dies durch katalektische oder hyperkatalektische Versschlüsse geschieht, hat keine Bedeutung, aus der man „Honig saugen“ könnte.

Verwendete Literatur:
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 29.05.2016