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Praxislexikon Lyrik

Hexameter

Der Hexameter (Betonung auf der zweiten Silbe: Hexameter) ist ein sechshebiger, prinzipiell daktylischer Vers. Er ist reimlos bei weiblicher Kadenz. Bei den ersten vier Versfüßen besteht Füllungsfreiheit, sie können also auch mit nur einer Senkung gestaltet sein, nur der fünfte Versfuß ist zwingend ein Daktylus.

Hexameter in der Praxis

„Der Hexameter ist die Umbildung eines antiken Versmaßes, des epischen Hauptmaßes der Alten, in dem Homer seine Dichtungen gesungen hat.“  [Arndt 1996: 143]

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel’ unnennbare Leiden erduldet,
(Homer: Odyssee, in der der Übertragung von Johann Heinrich Voß)

Wer den Hexameter in der deutschen Dichtung nutzt, stellt sich in eine Traditionsreihe, die sehr lang zurückreicht. Da die Antike nicht mehr den Stellenwert früherer Zeiten in der Bildung hat, muss der Hexameter überhaupt erstmal erkannt werden. Kurz gesagt: Hat man einen langen, reimlosen Vers in einem eher erzählenden Gedicht vor sich, der mit einer Hebung beginnt, dann könnte es ein Hexameter sein. Weitere verlässliche Erkennungsmerkmale sind die weibliche Kadenz und die stets zweisilbigen Senkungen im vorletzten Versfuß. Schafft man es dann noch, sechs Hebungen zu identifizieren, gibt es keinen Zweifel mehr.

Ein fürs Schreiben und Interpretieren wichtiges Kennzeichen des Hexameters ist die fast immer vorkommende Zäsur.

Was die Neugier nicht tut! So rennt und läuft nun ein jeder,
Um den traurigen Zug der armen Vertriebnen zu sehen.
Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer ein Stündchen,
Und da läuft man hinab, im heißen Staube des Mittags.
Möcht' ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu sehen das Elend
Guter fliehender Menschen …
(Goethe: Hermann und Dorothea)

In Vers eins und zwei liegt die Zäsur nach der dritten Hebung, was einer der bevorzugten Platzierungen dafür ist. Im ersten Vers ist sie deutlich erkennbar, im zweiten kann man den Text mit einer Pause nach der dritten Hebung bei „Zug“ lesen, muss es aber nicht. In Vers drei gibt es sogar zwei Zäsuren, nach der zweiten und vierten Hebung, auch das sind Standardwerte. In Vers fünf schließlich setzt die Zäsur erst nach der vierten Hebung ein.

Verpönt ist eigentlich nur die Zäsur direkt vor der vierten Hebung, weil sie den Vers in zwei Hälften teilt mit jeweils drei Hebungen plus Senkungsabschluss [vgl. Arndt 1996: 144]. Hingegen kann die Zäsur durchaus  auch zwischen zwei Senkungen im dritten oder vierten Versfuß liegen [vgl. Kayser 1999: 25]. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Positionen der Zäsur möglichst von Vers zu Vers variiert. Tut sie es nicht, sollte es einen Grund dafür geben.

Ein letztes Merkmal des Hexameters ist die die Verwendung von Enjambements:

Und so zogen wir denn, vom verschlafenen Kellner mit Grollen
wegen des knappen Trinkgelds aus dem Gasthof entlassen,
leere Gassen entlang in fremder einsamer Sonne
schweigend an Gärten vorbei, die taublitzend schlummerten,
(Richard von Schaukal: Maturitätsfeier)

In diesem Beispiel gibt es Zeilensprünge beim ersten bis zum dritten Vers. Der Satzbau setzt sich über die Versgrenzen hinweg. Dies unterstützt den erzählenden Charakter des Hexameters, der ja aus der antiken Epik kommt.

Zur Verwendung zusammen mit dem Pentameter in Epigrammen siehe die Beispiele beim Stichwort Distichon.

Verwendete Literatur:
Erwin Arndt (1996): Deutsche Verslehre. Ein Abriß (13. bearb. Auflage), Berlin: Volk und Wissen Verlag
Wolfgang Kayser (1999): Kleine deutsche Versschule (26. Aufl.), Tübingen und Basel: A. Francke Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016