Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Hebungsprall

Der Hebungsprall entsteht durch das unmittelbare Aufeinanderfolgen zweier Hebungen. Er kann innerhalb eines Verses auftreten durch Weglassen der Senkungen oder Akzentverschiebung entstehen, aber auch über die Versgrenze hinweg, wenn der erste Vers mit männlicher Kadenz endet und der zweite mit einer Hebung beginnt.

Hebungsprall in der Praxis

Einen sehr eindrucksvollen Hebungsprall bietet das expressionistische Gedicht Aufbruch der Jugend von Ernst Wilhelm Lotz in Vers zehn:

Ein Stoß ging durch uns, Not schrie, wir rollen geschwellt

Beim Einschub „Not schrie“ sind beide Silben gehoben, der Schrei wird durch die doppelte Hebung zwischen den Jamben metrisch verstärkt.

Wortwiederholungen im Vers werden im Normalfall einmal als Hebung und einmal als Senkung gelesen. Das folgende Kurzgedicht zeigt die Ausnahme von der Regel:

Wenn die Morgensonne in die Fenster scheint
Und in ihren Betten sich die Kinder heben,
Ausgeschlafen, lächelnd: O du segnendes Leben,
So, so hab ich’s gemeint.
(Richard von Schaukal: Früh)

Die ersten drei Verse beginnen mit einer Hebung, im vierten bleibt einem gar nichts anderes übrig, als auch die zweite Silbe zu heben und zwar stärker als die erste. Auch hier sorgt der Hebungsprall für nachhaltige Betonung und – eine Pause innerhalb des Verses. Diese Möglichkeit des Hebungspralls zur Zäsur wird im folgenden Gedichtausschnitt ebenfalls genutzt:

Sie schaut sehr angespannt,
Hält mich fest, wartend ... still.
(Andreas Müller: Moon)

Besser kann man Inhalt und Metrum kaum verbinden als durch den Hebungsprall „fest, wartend“, der fast schon das Wörtchen „still“ überflüssig macht. Tatsächlich gibt es hier noch einen zweiten Hebungsprall: die letzte Silbe des vorletzten Verses und die erste des letzten sind beides Hebungen. Dies ist beim Trochäus mit männlicher Kadenz eingebaut und kann, muss aber wegen der Regelmäßigkeit nicht, zu einer besonderen Betonung führen:

Eine liebe, liebe Stimme ruft
Mich beständig aus der Wassergruft
(Conrad Ferdinand Meyer: Schwüle)

Hier sorgt der Hebungsprall für eine besonders eindringliche Betonung des „Mich“, die der gesamten verzweifelten Stimmung des Gedichts entspricht.

Mehr praktische Beispiele zum Hebungsprall gibt es beim Distichon, wo dieser im zweiten Vers beim Pentameter zum Bauprinzip gehört.

Verwendete Literatur:
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016