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Praxislexikon Lyrik

Hebung

Hebung ist die metrische Bezeichnung für eine betonte Silbe im Vers, die durch die natürlichen Wortbetonung, die Stellung des Wortes im Satzbau und den Sinnzusammenhang ermittelt wird. Nur beim Skandieren werden alle Hebungen gleich betont, im Vortrag variiert ihre Betonungsstärke. Letztlich wird eine Hebung nur stärker betont als die umgebenden Silben im Vers, die dann als Senkungen bezeichnet werden, Ausnahme: Hebungsprall.

Hebung in der Praxis

Die Hebungen in einem Vers sind das wichtigste strukturelle Merkmal. Sie charakterisieren den Vers z.B. als vierhebig, mittels der Hebungen und den sie umgebenden Senkungen lässt sich das Metrum bestimmen. Reime und Assonanzen sind entweder Hebungssilben oder beginnen mit einer, und auch die Lautstruktur wird zum größten Teil an den gehobenen Silben festgemacht.

Wie bestimmt man Hebungen?

Bei alternierendem Hebungs-Senkungsschema (Jambus, Trochäus) sollte Skandieren ausreichen, um zu bestimmen, ob jeweils die erste oder zweite Silbe betont wird. In allen anderen Fällen sind ein paar Grundregeln hilfreich. Die Betonung im Deutschen richtet sich vor allem nach der „größeren oder geringeren Wichtigkeit der Silbe für den Sinn des Wortes und nach der des Wortes für den Sinn des Satzes“ [Kleinpaul/Langewiesche 1892: 180]. Das heißt für die Silben eines mehrsilbigen Wortes, dass die Silben des Wortstamms betont werden. Der Wortstamm prägt die Wortbedeutung, z.B. „geb“ bei „geben“, „fahr“ bei fahren usw. Die betonte Silbe muss nicht vollständig dem Wortstamm entsprechen, sondern nur Bestandteil des Wortstamms sein, also heißt es ge-ben und fah-ren. Zu beachten ist: Die Wortstammbetonung gilt für Wörter deutschen Ursprungs, bei eingewanderten Wörtern muss dies nicht so sein, wie das Extrembeispiel modern und modern (aus dem Französischen übernommen) zeigt.

Bei zusammengesetzten Wörtern (z.B. Weihnacht, Tischbein, bildschön) wird die erste Silbe betont, weil sie für die spezielle Bedeutung des Wortes zuständig ist. Aus der Nacht wird die Weihnacht, aus dem Bein ein Tischbein und aus schön sogar bildschön. Die Erstsilbenbetonung funktioniert auch bei dreisilbigen Wörtern: Aus dem Meister wird der Hausmeister und traurig steigert sich zu tieftraurig. Ist das erste Wort des zusammengesetzten Begriffs zweisilbig, können zwei Betonungen entstehen, wie in rosenrot.

Bei Vorsilben (Silben vor dem Wortstamm) gibt es eine einfache Regel: Der Laut „e “ bleibt unbetont, andere Vokale führen zu Betonungen. So wird z.B. „fallen“ mit dem Wortstamm „fall“ zu befallen (Befall), verfallen (Verfall), entfallen mit jeweils einer Hebung bei der zweiten Silbe, aber umfallen, ausfallen (Ausfall) und einfallen (Einfall) haben die Hebung bei der ersten Silbe. „Ein“ wiederspricht nicht der „e“-Regel. Es wird zwar mit einem „e“ geschrieben, aber der Laut ist „ai“.

Bei den Schlusssilben hat wieder der Vokal „e“ schlechte Karten, Endungen wie z.B. „-er“ oder „-en“ bleiben unbetont, bei „-lei“ (ai-Laut) ebenso wie bei „-ung“ oder „-schaft“ können jedoch Hebungen bei dreisilbigen Wörtern entstehen, wenn die nachfolgende Silbe schwach ist, z.B. „mancherlei Getier“ mit Hebung auf „-lei“, aber bei „mancherlei Tier“ bekommt das nachfolgende Substantiv die Hebung. Dass eine Hebung abhängig ist von den umgebenden Silben kann sogar dazu führen, eine schwache e-Endung zu heben: „das liebliche Gesicht“ (Aus: Goethe, Willkommen und Abschied). Ohne die Hebung bei „-che“ entstünden drei Senkungen hintereinander. So wird jedoch ein Wort per Doppelhebung hervorgehoben, das hervorzuheben dem Inhalt des Gedichts entspricht.

Einsilbige Wörter können sowohl Hebungen als auch Senkungen sein, hier ist die Bedeutung der Wörter für Satzbau und Sinn wichtig. Meist ziehen Verben und Substantive die Betonung an sich. Beispiele: „Ein Mann“, Betonung auf „Mann“; „er fliegt“, Betonung auf „fliegt", denn "er" zeigt ja, dass die Person bereits bekannt ist, wichtiger ist also, was sie tut, folglich wird das betont. Bei „Ein Mann fliegt“ ist im Prinzip jede Betonung möglich. Will ich sagen, dass nur einer fliegt, muss „ein“ betont werden, soll hervorgehoben sein, dass es ein Mann, keine Frau ist, wäre „Mann“ zu betonen, und steht die Art der Aktion im Vordergrand – er fliegt, er fährt nicht – wäre das letzte Wort zu betonen. In solchen variationsreichen Fällen kann das ermittelte Metrum der Verse davor eine Hilfe sein, um zu erkennen, was der Dichter betonen wollte und somit auch, wie der Satz gemeint ist.

Verwendete Literatur:
Ernst Kleinpaul/Wilhelm Langewiesche(Bearb.) (1892): Poetik. Die Lehre von der deutschen Dichtkunst (9. überarb. Auflage), Bremen: M. Heinsius Nachfolger

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 14.03.2017