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Praxislexikon Lyrik

Haiku

Ein Haiku ist ein japanisches, titel- und reimloses Gedicht bestehend aus drei Zeilen zu fünf, sieben und fünf Silben. In der traditionellen Form enthält es ein Jahreszeitenwort (kigo) und eine Zäsursilbe (kireji) [vgl. Reallexikon 2007-2: 3].

Haiku in der Praxis

Im deutschsprachigen Haiku hat sich die „skizzenhafte Darstellung der wahrnehmbaren Dinge (shasei)“ [Reallexikon 2007-2: 4] als wichtigstes inhaltliches Element durchgesetzt. Dabei muss diese Darstellung nicht aus der Natur stammen, sondern kann auch aus der menschlichen, städtischen Sphäre resultieren. Dieser Charakterzug des Haiku, den der  Namensgeber der Form, Masaoka Shiki (1867-1902), propagiert hat, ist vom europäischen Naturalismus beeinflusst und somit ein Re-Import.

Als äußeres Merkmal ist Dreizeiligkeit geblieben. Das Silbenmuster 5-7-5 wird flexibel gehandhabt. Silbenzählung hat für deutschsprachige Gedichte nicht die Bedeutung wie für japanische, zudem gibt es große Unterschiede zwischen japanischen und deutschen Silben. Während die japanischen bei der Aussprache etwa gleichlang sind, haben deutsche Silben eine große Bandbreite von der Vokalsilbe, die nur aus einem Buchstaben besteht (a), bis zu Silben mit vielen Lauten und zehn Buchstaben (schlauchst). Die rein mathematische Übertragung des Silbenschemas von einer Sprache in die andere mag für Anfänger bequem sein, aber besser ist eine Konzentration auf größtmögliche Verknappung der Sprache.

Mehr zur praktschen Anwendung des Haiku: Haiku schreiben bei ziemlichkraus.de

Verwendete Literatur:
Klaus Weimar (Hrsg.) (2007): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band 2 (3.Auflage), Berlin: Walter de Gruyter

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 10.10.2016