Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Praxislexikon Lyrik

Gedicht

Ein Gedicht ist objektive und subjektive Form. Objektive Form ist die strikte Formatierung eines Textes. Subjektive Form ist die Kennzeichnung eines Textes als Gedicht durch den Autor.

Erläuterung

Da die Definition eines Gedichts nur in absoluten Ausnahmefällen für die Praxis relevant ist, aber ein Lyriklexikon kaum ohne den Begriff „Gedicht“ auskommt,  habe ich mir den Luxus erlaubt, meine eigene pragmatische Definition zu liefern. Eine wissenschaftlich diskutierte und anerkannte Definition eines Gedicht ist: „Als Gedicht ist grundsätzlich jeder Text zu bezeichnen, der – im Unterschied zur Prosa – ganz oder teilweise aus Versen besteht“ [Dieter Lamping in: Reallexikon 2007: 669]. Dabei sind Verse nicht unbedingt metrisch, sondern können auch frei gestaltet sein, d.h. jede Zeilengestaltung abseits der Prosa ergibt Verse.

Der Haken an dieser Definition ist, dass viele Texte, die weder als Gedicht gedacht noch als Gedicht verstanden werden, miterfasst sind, z.B. Texte auf Verbotstafeln, wenn sie eine vom Platzangebot abweichende Gestaltung haben oder mehrzeilige Texte mit freier Zeilengestaltung auf Werbeplakaten.

Die Lamping’sche Definition entspricht in etwa der obigen Definition der objektiven Form, wobei auf die Festlegung als Verse verzichtet wurde. Die Formatierung muss nur strikt, also fest sein, um auch Buchstabengedichte und andere experimentelle Formen einzubeziehen. Die ergänzende Forderung nach einer subjektiven Form dient jedoch dazu, „Missverständnisse“ wie beliebige Verbotstexte als Gedichte zu vermeiden.

Die geforderte Kennzeichnung eines Textes als Gedicht kann auf verschiedene Arten erfolgen. Eine implizite Kennzeichnung als Gedicht liegt vor, wenn traditionelle Formen mit Metrum und Reim genutzt werden. Dann geht selbst eine Verbotstafel als Gedicht durch:

Hier zu koten
ist verboten!
Wer’s trotzdem tut,
kriegt auf die Schnut!

Eine Kennzeichnung kann auch explizit durch einen Titel erfolgen, nur die Betitelung als Prosagedicht ist aussichtslos, weil es an der objektiven Form mangelt. Prosatexte werden zwar auch formatiert, ihre Form hängt jedoch vom zur Verfügung stehenden Platz ab und variiert mit ihm, sie ist nicht strikt, wie es die Definition verlangt.

Auch die Veröffentlichungsumgebung ist kennzeichnend: Ein Text in einer Gedichtanthologie online oder gedruckt muss als Gedicht aufgefasst werden, selbst wenn die Titel lautet „Dies ist kein Gedicht“. Das Vorwort und andere Rahmentexte sind leicht davon abzugrenzen: sie erfüllen wiederum nicht die Bedingung der objektiven Form.

Ein Text, der das objektive Formmerkmal erfüllt, wird also erst zum Gedicht, wenn der Autor den Text so kennzeichnet, dass der Leser auf die Einordnung als Gedicht schließen kann. Auf Basis des sehr breit angelegten objektiven Formmerkmals definiert erst die Übereinkunft von Dichter und Leser einen Text als Gedicht. Die Definition ist somit dynamisch und kann noch unbekannte Gedichtformen einbeziehen.

Verwendete Literatur:
Klaus Weimar (Hrsg.) (2007): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band 1 (3.Auflage), Berlin: Walter de Gruyter

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 17.08.2016