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Praxislexikon Lyrik

Distichon

Das Distichon ist ein zweizeiliges Strophenmaß, das aus einem Hexameter und einem Pentameter besteht. Das Grundversmaß ist somit ein sechshebiger Daktylus.

Distichon in der Praxis

Die beiden wichtigsten Anwendungsfälle für das Distichon sind Epigramm und Elegie [vgl. Spörl 2004: 45]. Das Distichon selbst thematisieren in ihrem  epigrammatische Schlagabtausch Schiller und Matthias Claudius:

Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule,
Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.
(Schiller: Das Distichon)

Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein,
Im Pentameter drauf lässt er ihn wieder heraus.
(Claudius: Das Distichon)

Kennzeichnend für das Distichon ist, dass beide Verse jeweils eine Zäsur haben. Im zweiten Vers bei Schiller und Claudius leicht zu erkennen durch den das Pentameter kennzeichnenden Hebungsprall „drauf fällt“ und „drauf lässt“. Die ersten Verse wirken stärker, wenn man eine kleine „Kunstpause“ nach der dritten Hebung einlegt („steigt“ bzw. „zieht“).

Für Elegien, die aus Distichen bestehen, sind Goethes Römische Elegien ein Musterbeispiel. Dass man das Distichon durchaus unernst in einem längeren Gedicht anwenden kann, zeigt Rückerts Grammatische Deutschheit

Verwendete Literatur:
Uwe Spörl (2004): Basislexikon Literaturwissenschaft, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016