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Praxislexikon Lyrik

Daktylus

Der Daktylus (Mehrzahl: Daktylen; Adjektiv: daktylisch) ist ein dreisilbiger Versfuß beginnend mit einer Hebung, der zwei Senkungen folgen. Rein daktylische Verse (holodaktylisch) sind äußerst selten. Der Daktylus ist Baustein der antiken Verse Hexameter und Pentameter.

Daktylus in der Praxis

Auch wenn der Daktylus wesentlich seltener eingesetzt wird als die zweisilbigen Versfüße Jambus und Trochäus, einen daktylischen Vers kennt fast jeder: „Freue Dich, Christkind kommt bald.“ (XxxXxxX) aus dem „Weihnachtsgruß“ von Eduard Ebel, besser bekannt als „Leise rieselt der Schnee ...“. Bei diesem Lied sind jeweils die beiden letzten Zeilen einer Strophe reine Daktylen, wobei im letzten Versfuß die Senkungen abgeschnitten sind, also katalektische Verse vorliegen. Fast komplett im Daktylus geschrieben ist „Christnacht“, ein wenig bekanntes Weihnachtsgedicht von Ferdinand von Saar

Ein barockes Beispiel ist der folgende Ausschnitt, der zeigt, dass Daktylen leicht leiern können, wenn man sie komplett bringt, also reiche Kadenzen nutzt (XxxXxx in Zeile 1,2,4 und 5):

Grausame, gräuliche,
Fürchtlich-abscheuliche
Diebische Nacht,
Welche den mutigen,
Menschenmord-blutigen,
Mörder- und Räubern,
Hexen und Zaubern,
Sicherheit macht
(Laurentius von Schnifis: Clorinda bejammert die abscheuliche Finsternis ihres Herzens)

Bei Rilke klingt das wie immer ganz anders. Sein Gedicht „Frühling ist wiedergekommen ...“ ist eine Mischung von Daktylen und Trochäen, Stichwort: Füllungsfreiheit. Damit der Leser aber nicht ins Stolpern gerät, müssen die Hebungen stärker herausragen, was in diesem Fall ein erwünschter Effekt ist.

Ein seltsamer Fall von Versfußvermischung ist Rudolf Georg Bindings Gedicht „Gleichung“. Eigentlich spricht man bei jambischen Versen, bei denen der erste Versfuß gedreht wird (Akzentverschiebung) nicht von einem Daktylus, obwohl das entstehende Hebungsschema (z.B. XxxXxXx) dies hergäbe. Bindung hat jedoch nicht nur einen einzelnen Vers „gedreht“, sondern gleich zwei Strophen, nachdem die ersten beiden Strophen den Jambus nutzen. Dies prägt des Rhythmus der Zeilen derart, dass man hier von daktylischen Versen sprechen könnte.

Überhaupt hat das Adjektiv daktylisch einen wesentlich weiteren Definitionsraum als die Bezeichnung Daktylus. Hier reicht es, wenn zwei Senkungen immer wieder zwischendurch auftauchen und die Verse entsprechend rhythmisch prägen.

Siehe auch: Adonischer Vers, Distichon 

Verwendete Literatur:
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 20.01.2017