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Praxislexikon Lyrik

Chevy-Chase-Strophe

Die Chevy-Chase-Strophe ist vierzeilig mit durchgehend männlicher Kadenz bei abwechselnd vier und drei Hebungen. Sie kann als halber oder vollständiger Kreuzreim gestaltet sein. Das Metrum ist zumeist ein Jambus. Ihr Name leitet sich von The Ballad of Chevy Chase ab.

Die Chevy-Chase-Strophe in der Praxis

Obwohl ihr Ursprung in der englischen Balladendichtung liegt, eignet sich die Chevy-Chase-Strophe für allerlei Arten von Gedichttypen und Inhalten. Es ist keine Vorfestlegung damit verbunden.

Mit einem halben Kreuzreim nutzt sie Gottfried Keller für ein Gedankengedicht über die Zeit, während Theodor Storm die Strophe in einem Liebeskummergedicht verwendet und dabei das Hin und Her der mal vier-, mal dreihebigen Verse betont. Matthias Claudius zeigt zwei sehr verschiedene Stimmungen mit der Chevy-Chase-Strophe. Einmal eine sehr besinnliche in Die Sternseherin Lise und einmal eine witzige in Der Mann im Lehnstuhl.

Zu beachten wäre dann noch die verdoppelte Chevy-Chase-Strophe als Achtzeiler wie im Hobellied von Ferdinand Raimund.

Beim Schreiben und Interpretieren eines Gedichts mit Chevy-Chase-Strophen sollte man besonders auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Enjambements achten. Durch Enjambements kann der Dichter sowohl die  ausschließlichen männlichen Kadenzen als auch die alternierende Hebungsstruktur überspielen. Dies zeigt das schon erwähnte Keller-Gedicht in der vierten Strophe, nachdem alle vorige Strophen im Zeilenstil ohne Enjambements gestaltet waren:

Es ist ein weißes Pergament
Die Zeit, und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.
(Gottfried Keller: Die Zeit geht nicht)

Hier wird sogar der einzige Reim der Strophe durch ein Enjambement überspielt. Die Vergänglichkeit wird auch formal durch das Überfließen der Verse dargestelllt, während die Vorstrophen eher dem Ticken einer Uhr glichen, indem sie per Zeilenstil zwischen den Vier- und Dreihebern hin- und herpendelten. Die Chevy-Chase-Strophe bietet somit wie andere Formmerkmale auch zwei Alternativen: Entweder sie wird betont genutzt oder überspielt.

Verwendete Literatur:
Uwe Spörl (2004): Basislexikon Literaturwissenschaft, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016