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Praxislexikon Lyrik

Blankvers

Der Blankvers ist ein ein reimloser, fünfhebiger, jambischer Vers, der sowohl mit weiblicher als auch männlicher Kadenz enden kann.

Blankvers in der Praxis

Der Blankvers ist in erster Line als Vers des Dramas bekannt. Er löste im 18. Jahrhundert den Alexandriner ab.

So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater?
Ich glaubt’, Ihr hättet Eure Stimme nur
Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was für Berge,
Für Wüsten, was für Ströme trennen uns
Denn noch? Ihr atmet Wand an Wand mit ihr,
Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen?
(Lessing: Nathan der Weise

Lessings „Nathan der Weise“, von ihm selbst als „dramatisches Gedicht“ bezeichnet, war der Durchbruch des Blankverses im Drama des 19. Jahrhunderts [vgl. Breuer 1994: 218]. Der Ausschnitt zeigt, dass der Vers zwar eine feste Struktur vorgibt, aber durch die intensive Nutzung von Enjambements die Rede dennoch prosaähnlich oder nah an der natürlichen Sprache gestaltet werden kann. Zum Teil wurde ein Vers sogar auf mehrere Sprecher aufgeteilt.

Wird auf Enjambements weitgehend verzichtet, ist der Text also näher am Zeilenstil, dann kann ein Ausschnitt aus einem Drama wie ein eigenständiges Gedicht wirken, was folgender Auszug aus dem Drama „Sappho“ von Franz Grillparzer zeigt:

Das eben ist der Liebe Zaubermacht,
Dass sie veredelt, was ihr Hauch berührt,
Der Sonne ähnlich, deren goldner Strahl
Gewitterwolken selbst in Gold verwandelt.

In der Nutzung für Gedichte erlaubt der Blankvers eine erste Annäherung an den modernen Vers durch die Abkehr vom Reim unter Beibehaltung eines festen Metrums.

Doch unten gehn wie Boote meine Tage,
darinnen stumm das kühle Leben sitzt,
ich spähe nur und winke nur und rufe,
mein Leben achtet meiner Rufe nicht.
Mein eigen Leben gleitet stumm vorbei.
(Walter Calé, Verzagend hast du mir die Hand geführt)

Die Länge der Verse mit fünf Hebungen gibt genug Platz, um ein Gedicht im Zeilenstil Gedanke für Gedanke zu entwickeln. Die Kadenzen werden so verteilt, wie es der Text braucht. Ein festes Muster ist nicht erforderlich. Wie das Beispiel zeigt, können Assonanzen (hier: sitzt - nicht) als Klangelemente durchaus eingesetzt werden.

Verwendete Literatur:
Dieter Breuer (1994): Deutsche Metrik und Versgeschichte (3. Aufl.), München: Wilhelm Fink Verlag

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Praxislexikon Lyrik: Alle Begriffe von A-Z
Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 11.07.2016