Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Binnenreim

Der Binnenreim im engeren Sinne ist ein Reim, bei dem zwei oder mehr Reimwörter innerhalb eines Verses stehen. Als Binnenreim im weiteren Sinne wird ein Reim bezeichnet, bei dem ein Wort innerhalb eines Verses auf ein Wort am Ende eines anderes Verses reimt [vgl. Knörrich 2005: 30].

Binnenreim in der Praxis

In Gedichten, die sowieso schon an den Versenden reimen, noch zusätzlich Binnenreime (im engeren Sinne) einzubauen, bedarf eines guten Grundes, z.B. um den Frühlingsüberschwang zu zeigen:

Im Lenzen da glänzen die blümigen Auen,
die Auen, die bauen die perlenen auen,
die Nymphen in Sümpfen ihr Antlitz beschauen
(Johann Klaj: Vorzug des Frühlings)

Ähnlich kräftig wirkt der Schlagreim. Bei diesem reimen sich zwei unmittelbar aufeinander folgende Wörter innerhalb des Verses, aber meist am Versende. Ein sehr drastisches Beispiel zelebriert Heinrich Seidel in Begnüge dich, Liebste mit identischen Reimen.

Eine Sonderform des Schlagreims ist der übergehende (auch: überschlagende) Reim, bei dem die beiden Wörter durch ein Versende getrennt sind wie in Sechzig vs. sechzig von Hans Retep.

Etwas weniger aufdringlich ist der Innenreim, bei dem von innerhalb des Verses zum Versende gereimt wird:

Kling hinaus bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen!
(Heine: Leise zieht durch mein Gemüt ...)

Das Gegenstück dazu ist der Mittenreim, bei dem man vom Versende ins Innere des nächsten Verses reimt. Rilke hat damit das Problem gelöst, zwei Reime auf drei Zeilen zu verteilen:

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
(Rilke: Herbsttag)

Beim Mittelreim reimen hingegen die Versmitten; sind dort naheliegenderweise auch Zäsuren, spricht man vom Zäsurreim:

Wir holen sie ein auf jenen Höhn
Im Sonnenschein, der Tag ist schön.
(Rückert: Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen ...)

Der Binnenreim ist oft ein gut hörbares Mittel der Klangverstärkung. Ergibt er sich zufällig beim Schreiben eines Gedichts, sollte man überlegen, ob man ihn wirklich braucht oder ob er nicht nur Klang um des Klanges Willen zufügt. Von der anderen Seite bei der Interpretation betrachtet, stellt sich die Frage, warum ein Dichter einen Binnenreim eingesetzt hat. Wenn er nicht nur einen komischen Effekt im Sinne von Übertreibung der Reime im Auge hatte, ist die Frage: Was soll damit hervorgehoben werden? Welche Wirkung geht vom zusätzlichen Gleichklang des Binnenreimes aus?

Verwendete Literatur:
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016