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Praxislexikon Lyrik

Auftakt

Mit Auftakt werden die Senkungen vor der ersten Hebung eines Verses bezeichnet. Ein Vers, der direkt mit einer Hebung beginnt, heißt auftaktlos. 

Auftakt in der Praxis

Der Begriff des Auftakts im Zusammenhang mit dem Metrum eines Gedichts ist eigentlich überflüssig. Ein jambischer Vers beginnt grundsätzlich mit einer Senkung, die Bezeichnung als Auftakt fügt dem keine Information hinzu.

Die Verwendung des Begriffs ist eine Vermischung zweier unterschiedlicher metrischer Systeme. In der Rezitationsmetrik von Andreas Heusler (in: „Deutsche Versgeschichte“) werden nicht Versfüße betrachtet, sondern Takte. Hier gilt, dass analog zur Musik ein Takt mit einer Hebung beginnt, was dem ersten Takt vorangeht, ist der Auftakt.

Die Übertragung auf das System der Versfüße würde bedeuten, dass Jambus, Amphibrachys und Anapäst, die jeweils mit Senkungen beginnen, überflüssig würden, weil erst ab der ersten Hebung die Bestimmung der Versfüße einsetzen müsste. Tatsächlich wird der Begriff heute noch bei amphibrachischen Versen benutzt, um sie zu daktylischen umzudeklarieren. Die vorgebliche Vereinfachung wird damit durch einen Systembruch erkauft.

In der Praxis sollte man den Begriff folglich vermeiden und die Senkungen zu Beginn eines Verses schlicht Senkungen nennen. Variiert die Zahl der Senkungen bei den Versanfängen, wie z.B. beim Knittelvers, kann man auch den Begriff Füllungsfreiheit nutzen, um den Versanfang zu charakterisieren.

Verwendete Literatur:
Dieter Breuer (1994): Deutsche Metrik und Versgeschichte (3. Aufl.), München: Wilhelm Fink Verlag
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Praxislexikon Lyrik: Alle Begriffe von A-Z
Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 19.02.2016