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Praxislexikon Lyrik

Assonanz

Die Assonanz (auch Halbreim genannt) bezeichnet das Anklingen von Wörtern in Abstufung zum Gleichklang eines Reims. Bei der Assonanz sind lediglich die Vokale in einer oder ab einer betonten Silbe gleich, die Konsonanten unterscheiden sich.

Assonanz in der Praxis

Die Assonanz kann wie ein Reim am Versende benutzt werden. Dadurch ergeben sich wesentlich mehr Möglichkeiten der Wortwahl. Im folgenden Gedicht sind die Abweichungen vom Reim nur minimal:

Einst kniete ein Mensch vor dir nieder.
Aus seinen Augen flogen schwarze klagende Vögel,
Umzogen dich flehend mit ihren Liedern.
Du gingst vorüber.
(Max Dauthendey)

Max Dauthendey nutzt sogar analog zum Reim die Kombination von „i“ und „ü“ für seine Assonanzen. Wichtig ist, dass das Ausweichen auf Halbreime nicht aus der Not geboren ist, sondern eine Funktion hat, hier verfehlen sich die Reime wie die Liebenden des Gedichts.

In der Romantik wurden Assonanzen auch benutzt, um die Nähe zum Volkslied zu suchen, wo eben nicht immer perfekt gereimt wurde. Ein Beispiel dafür ist Eichendorffs berühmtes Gedicht Mondnacht, wo in der ersten und dritten Strophe Assonanzen genutzt werden.

Dass eine Assonanz auch dissonant klingen kann, zeigt Heine in dieser Schlussstrophe:

Also fragen wir beständig,
Bis man uns mit einer Handvoll
Erde endlich stopft die Mäuler –
Aber ist das eine Antwort?
(Heine: Lass die heilgen Parabolen …)

Der Theorie ergeben „Handvoll“ und „Antwort“ eine Assonanz, in der Praxis passen sie klanglich nicht besonders gut zueinander, was im Gesamtzusammenhang des Gedichts durchaus sinnvoll ist.

Weitaus häufiger als in einem Endreim tauchen Assonanzen innerhalb eines Verses auf und verstärken dort die Klangwirkung.

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
(Uhland: Frühlingsglaube)

Die „linden Lüfte“ heben sich eher als Alliteration hervor, aber „Tag“ und „Nacht“ sind einsilbige Assonanzen, „schaffen“ und „allen“ zweisilbige. Uhland versucht das Erwachen der Natur im Frühling durch harmonische Klänge zu versinnbildlichen.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.
(Eichendorff: Weihnachten)

Auch hier wird sehr viel (An-)Klang investiert, um eine Weihnachtsstimmung zu erzeugen: „An den“ und „haben“ in Vers eins, „Frauen“ verbindet sich assonant mit „Tausend“, was wiederum zum Reimwort „schauen“ assoniert und in Vers vier könnte man die Assonanzkette von „Sind“ über „-still“ bis zu „glückt“ reichen lassen, wenn man „i“ und „ü“ wie üblich als Gleichklang akzeptiert.

Wo Chancen sind, da lauern natürlich auch Gefahren. Der erfahrenen Dichter registriert Assonanzen innerhalb der Verse und schätzt ab, ob sie wirklich helfen oder nicht doch zu viel der Harmonie enthalten, während sich der Anfänger nur des Klangs erfreut. Auch bei der Assonanz als Reimersatz sollte eine Wille dahinter stehen und nicht das amateurhafte „Ach, geht auch und weiter“.

In der Interpretation ist wie gezeigt die Assonanz ein Punkt, auf den man eingehen und ihre Funktion für den Text erklären sollte. Es kann jedoch auch sein, dass die Assonanz zum Bauprinzip des Gedichts gehört, wie es bei der Romanze und zum Teil beim Volkslied der Fall ist, dann sollte man etwas vorsichtiger mit Bedeutungszuweisungen sein.

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Die Magie von Laut und Klang

Verwendete Literatur:
Wolfgang Kayser (1999): Kleine deutsche Versschule (26. Aufl.), Tübingen und Basel: A. Francke Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 12.08.2016