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Praxislexikon Lyrik

Anapher

Die Anapher ist die Wiederholung eines oder mehrerer Wörter am Anfang von Versen, Sätzen oder Satzteilen. Sie zählt als Wort- bzw. Klangfigur zu den rhetorischen Figuren.

Anapher in der Praxis

Die Anapher ist ein mächtiges und augenfälliges Mittel, um Rhythmus in einem Gedicht zu erzeugen. Sie strahlt auch beim Satzbau auf den Rest des Verses aus. Oft sind Anapherverse parallel gebaut und im Zeilenstil verfasst.

Zu Beginn ein harmloses Beispiel: Der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben nutzt die Anapher, um in der ersten Strophe gleich einen liedhaften Ton in sein Gedicht zu bringen. Sie lädt zum Singen ein:

Es taget in dem Osten,
Es taget überall.
Erwacht ist schon die Lerche,
Erwacht die Nachtigall.
(Hoffmann von Fallersleben: Morgenlied)

Friedrich Rückert zeigt in einem Liebesgedicht die EIndringlichkeit einer Anapher. In Ich liebe dich, weil ich dich lieben muss ... wird aus der Anfangswiederholung „Ich liebe dich“ der ersten Strophe ein „Dich lieb’ ich“ in der zweiten Strophe.

Heine bietet im folgenden Gedicht zwar nur eine Wiederholung, doch durch die verwendete Befehlsform mit Anfangshebung (Trochäus) reicht das, um Dringlichkeit zu signalisieren:

Lass die heilgen Parabolen,
Lass die frommen Hypothesen –
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen.
(Heine: Lass die heilgen Parabolen ...)

Mehr Möglichkeiten der Anapher demonstriert Heine in seinem berühmten Gedicht Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ... mit zwei Anaphern. Zuerst verbindet er mit „Sie kämmt ...“ die Strophen drei und vier, dann nutzt er eine Anapher in der vorletzten Strophe zum Spannungsaufbau:

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe
Er schaut nur hinauf in die Höh’.

Allerdings lässt Heine in der letzten Strophe, wie die Interpretation zeigt, gnadenlos die Luft aus der aufgebauten Spannung. Die Anapher diente also eher der Irreführung.

Zum Schluss der Hinweis auf ein Gedicht, das komplett durch alle 14 Zeilen eine einzige Anapher nutzt (Emanuel Mireau: Vergeblich). Das Titelwort leitet jeden Vers ein, was eine fast unerträgliche Spannung oder Eindringlichkeit erzeugt, aber letztlich auch erschöpfend wirkt und somit: vergeblich.

Verwendete Literatur:
Ivo Braak/Martin Neuhäuser(Bearb.) (2001): Poetik in Stichworten (8. überarb. Auflage), Berlin/Stuttgart: Gebrüder Borntraiger
Uwe Spörl (2004): Basislexikon Literaturwissenschaft, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 12.08.2016