Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Anapäst

Der Anapäst ist ein dreisilbiger Versfuß, der mit zwei Senkungen beginnt und einer Hebung endet.

Anapäst in der Praxis

Der Anapäst spielt in der dichterischen Praxis kaum eine Rolle. Ausnahmen sind rar:

Das Gesicht und die Seele betrachtet mir wohl am Gedicht!
Denn ein Spiegel der Seele soll sein auch des Liedes Gesicht.
(Wilhelm Langewiesche)

Am ehesten trifft man den Anapäst noch im Knittelvers. Da dort bei vier Hebungen Füllungsfreiheit auch zu Beginn des Verses besteht, können zuweilen vollkommen reine Anapästverse entstehen:

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel sprützet der dampfende Gischt
(Friedrich Schiller: Der Taucher)

Und voll Misstrauen gegen den eigenen Sohn
(Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland)

Manchmal werden auch Amphibrachys-Verse dem Anapäst zugeschlagen [vgl. Braak/Neuhäuser 2001: 83]. Nimmt man z.B. einen zweihebigen Amphibrachys mit dem Hebungsschema xXxxXx, wird die fehlende Senkung zu Beginn toleriert (Katalexe).

Verwendete Literatur:
Ivo Braak/Martin Neuhäuser(Bearb.) (2001): Poetik in Stichworten (8. überarb. Auflage), Berlin/Stuttgart: Gebrüder Borntraiger

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 12.08.2016