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Praxislexikon Lyrik

Alexandriner

Der Alexandriner ist ein sechshebiger jambischer Reimvers mit einer Zäsur nach der dritten Hebung. Er kann sowohl männliche als auch weibliche Kadenz haben.

Alexandriner in der Praxis

Der Alexandriner wurde im Barock viel genutzt und war der Standardvers im Sonett. Für die Interpretation eines Gedichts in Alexandrinern spielt die Zäsur eine besondere Rolle. Die Fragen, die man sich immer stellen muss, sind: Wurde die Zäsur genutzt? Und wenn ja, wofür? Einige Beispiele:

Durch die Zäsur in der Versmitte eignet sich der Alexandriner besonders für Gegenüberstellungen (antithetische Satzstrukturen):

Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiesen sein
(Andreas Gryphius: Es ist alles eitel)

Mit sechs Hebungen gehört der Alexandriner zu den Langversen [vgl. Hönig 2008: 18]. Doch der Schnitt innerhalb des Verses nimmt ihm seine Langatmigkeit und kann das Tempo z.B. durch eine Aufzählung erhöhen:

Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen.
Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid.
Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.
(Andreas Gryphius: Menschliches Elende)

Tatsächlich kann man die Verse stärker miteinander verbinden, indem man die Satzstruktur über die Versgrenzen hinauslaufen (Enjambement) und bei der Zäsur enden lässt:

Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn
Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen
Verlassen Feld und Werk; wo Tier und Vögel waren,
Trau’rt jetzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!
(Andreas Gryphius: Abend)

Hier hat das den Effekt, den letzten kurzen Satz zu isolieren und damit besonders zu betonen.

Und schließlich haben Dichter natürlich auch versucht die Zäsur zu überspielen, um so eine ruhige, dafür aber sehr bestimmte Ausstrahlung zu erzielen:

Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand
Dir endlich mit der Zeit um deine Brüste streichen,
Der liebliche Korall der Lippen wird verbleichen;
Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand,
(Christian Goffmann von Hoffmannswaldau: Vergänglichkeit der Schönheit)

Verwendete Literatur:
Christoph Hönig (2008): Neue Versschule, Paderborn: Wilhelm Fink
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 19.05.2016