Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

4 - Die unwahrscheinlichen Wahrscheinlichkeiten

 

Die unwahrscheinlichen Wahrscheinlichkeiten des Lebens faszinieren mich. Ist es beim Menschen nicht auch so? Dass er sich nach dem sehnt, was er nicht hat, was er nicht ist? Mit der Kraft kenne ich mich aus. Ich kann einschätzen, wie lange jemand noch lebt. Je näher das Ende, desto größer meine Sicherheit. Klar, es gibt unvorhergesehene Schwankungen, gerade bei den Jüngeren. Aber das ist kein Vergleich zu den Unwahrscheinlichkeiten des Lebens.

Zum Beispiel Rebekka. Vierzehn Jahre nach Matthes in Wandsbeck geboren. Vierzehn Jahre. Dieser Altersunterschied wog damals schwerer. Die Lebenserwartung war geringer. Und doch wurde sie seine Frau.

Was musste alles passieren, was durfte nicht passieren, damit Matthes und Rebekka zusammenkamen? Möchte jemand die Wahrscheinlichkeit ausrechnen? Unter Berücksichtigung, dass Matthes in Jena hätte hängen bleiben können, wo er studierte. Oder am Kopenhagener Hof, wohin er den Grafen Holstein begleitete. Nicht zu vergessen all die kleinen und großen Glücks- und Unglücksfälle des Lebens. Allein der Unfall auf dem Herrenteich. Der hätte jede Wahrscheinlichkeit auf null gesetzt. Und Rebekka war da noch gar nicht geboren.

An jenem Tag spürte ich die Kraft bei Matthes. Ich hatte mich bis dahin nicht wieder gezeigt, ihn nur beobachtet. Obwohl immer wieder in Reinfeld zu tun war. Allein drei seiner Geschwister schnitt ich in einem Jahr. Nicht nur als Pastorensohn wusste er früh, was Sterben bedeutet.

Matthes verbrachte die meiste Zeit mit seinem Bruder Josias, der ein Jahr älter war. Das gefiel mir nicht besonders. Josias war anfällig für die Kraft. Ein früher Tod erschien mir bei ihm wahrscheinlicher als ein langes Leben.

Die Brüder hatten sich mit dem Kahn weit auf den Herrenteich hinausgetraut. Anderen Orts wäre das Gewässer als See verkauft worden: bis zu 250 Meter breit, zwei Kilometer lang. Aber die Holsteiner beließen es beim Teich.

Die beiden saßen im Kahn, ließen die Angeln im Wasser treiben. Kein Fisch biss an. Josias begann sich zu langweilen. Matthes hätte sicher den ganzen Sommertag auf dem Teich verdösen können.

„Beißt keiner”, sagte Josias schließlich.

„Jo”, stimmte Matthes schlaff zu.

„Da hilft nur beten.”

Matthes schaute seinen Bruder fragend an.

„Ja, beten. Auf, auf, Matz. Gott hilft.”

„Ja, was denn?”

„Vaterunser hilft immer.”

„Ja?”

„Los Matz, wo ist dein Gottvertrauen? Du wirst sehen, die Fische werden kommen. Steh auf, damit der Herr dich sieht.”

„Aber er sieht mich doch immer, sagt Vater.”

„Willst du Fische fangen und sie Mutter herbringen oder Haare spalten?”

„Ja, ja.”

Ergeben rappelte sich Matthes auf, faltete die Hände.

„Und die Augen zu. Volle Konzentration, Matz. Ich sag, wenn die Fische kommen.”

Und so stand er, den Kopf gegen den Himmel gereckt, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet und betete:

„Vater, du bist im Himmel. Geheiliget werde dein Name. Zu uns komme dein Reich. Dein Wille geschehe …”

Josias begann den Kahn zu schaukeln.

„Spürst du’s, Matz? Die Fische kommen. Weiter, weiter.”

„ … wie im Himmel also auch auf Erden …”

Und der Kahn begann heftiger zu schwanken.

„Sie kommen, sie kommen. Das wird ein Fest. Weiter, weiter.”

„ … Unser täglich Brot gib un…”

Matthes suchte nach Halt in dem schwankenden Kahn, fand ihn nicht und stürzte kopfüber ins Wasser.

„Matz!”

Josias versuchte die aufgewühlte Wasseroberfläche mit den Augen zu durchbohren.

„Matz!”

Matthes tauchte noch immer nicht auf.

„Matthias!”

Seine Stimme kippte fast um. Doch dann griff Josias blitzartig tief ins Wasser, packte und zog. Nach Luft saugend kam Matthes an die Oberfläche. Fast wäre der Kahn gekentert. Josias hielt das Gleichgewicht und ließ seinen Bruder nicht mehr los. Japsend klammerte sich Matthes an die Bootskante. Schließlich half ihm Josias an Bord.

Auch ich war erleichtert. Obwohl: Ich hatte es im Gefühl, dass die Kraft nicht wirklich ernst machen würde. Mir schien es jedoch eine gute Gelegenheit, mich zu zeigen.

Als Opa Nikolaus stand ich am Ufer. Matthes sah mich. Ich hob grüßend die Hand. Noch immer schwer atmend winkte er zurück. Josias, der besorgt seinen Bruder betrachtet hatte, schaute, sah mich aber nicht.

„Wem winkst du da?”

Matthes sah zu ihm hinüber, wies mit einer schwachen Handbewegung in meine Richtung:

„Dem alten Mann.”

Beide sahen zum Ufer. Kein alter Mann. Stattdessen lief Schwesterchen Dorothea auf das Ufer zu, heftig winkend.

„Da ist nur Theachen”, stellte Josias fest.

„Ja.”

Matthes betrachtete irritiert das Ufer.

„Ihr! Sollt! Es-sen! Kom-men!”

Dorotheas Stimmchen trug kaum bis zum Kahn.

Josias winkte zum Zeichen, dass sie verstanden hatten.

„Es heißt: der du bist die Hummel.”

„Was?”

Matthes starrte seinen Bruder entgeistert an. Josias lachte.

„Ach nichts. Lass uns zurückrudern. Wird Zeit, dass du trockene Kleider bekommst.”

Matthes nickte nur abwesend und schaute wieder zum Ufer hinüber. Doch ich war verschwunden und blieb es viele Jahre – bis die Kraft uns zusammenbrachte.


Kommentar des Autors:

Die Idee für dieses Kapitel basiert auf einem Vorfall auf einem Teich, den Matthias Claudius in einem Brief an seinen fiktiven Vetter Andres schildert. Der Brief ist Bestandteil des vierten Bandes seiner gesammelten Werke. Beim Schreiben dieses Kapitels habe ich Abschied genommen von der Idee, die Dialoge plattdeutsch zu färben, was im Hause Claudius üblich gewesen sein wird. Es gibt zu viele plattdeutsche Dialekte und meine Kenntnis ist derart rudimentär, dass es nur ein Anlass für Fehlleistungen sein konnte. Da Matthias Claudius bis auf eine Ausnahme nie das Plattdeutsche für seine literarischen Arbeiten verwandt hat, war es auch nicht wichtig für seine Charakterisierung.