Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

3 - Entschuldigung

 

Entschuldigung, ich sagte ja: Anfangen ist nicht meins. Ich springe hin und her, das ist meine Natur. Ich bin an vielen Orten gleichzeitig, immer dort, wohin die Kraft mich ruft. Aber so geht das nicht. Da kann kein Mensch folgen. Ich will versuchen, ab jetzt chronologisch vorzugehen. Ob ich das lange durchhalte? Ich verspreche nichts.

Als Matthes geboren wurde, war ich dabei. Damals bin ich bei jeder Geburt dabei gewesen. Heute nicht mehr. Ich hasse Krankenhäuser. Nicht weil sie Leben retten. Krankenhäuser bringen mehr Menschen um als Automobile. Und die geben sich schon Mühe. Nein, es ist … das Technische. Das Glitzernde. Das Sterile. Menschen kommen nicht mehr zur Welt, sie kommen ins Krankenhaus. Ich glaube, viel Unheil ist daraus entstanden, dass Menschen in einer Krankenhauswelt geboren werden und nicht zu Hause oder in der Natur.

Warum war ich damals bei jeder Geburt dabei? Klar: In jenen Zeiten schnitt ich oft genug das Neugeborene, manchmal die Mutter gleich mit. Doch das war nicht der Grund. Ich liebe Kreise. Sagte ich bereits. Ich wollte am Anfang dabei sein, wie ich am Ende dabei bin. Insgeheim wünschte ich mir sogar, mittendrin zu sein. Matthes machte das möglich. Und mehr als das, viel mehr.

An jenem Abend des … Moment … 15. August 1740 brannte in Reinfeld nur in einem Haus noch Licht. Bei Pastor Claudius. Seine Frau Maria mühte sich im Geburtsstuhl, ein Kind zur Welt zu bringen.

Die Schuhmacherwitwe hatte ich gerade erst geschnitten, da tat Matthes seinen ersten Schrei. Ich erschien ihm in Gestalt seines verstorbenen Großvaters Nikolaus. Matthes entwickelte später eine große Ähnlichkeit mit dem alten Herrn, was ich nicht ahnen konnte. Die Gestalt sollte nur beruhigend wirken. Diesmal war die Wirkung noch viel erstaunlicher.

Matthes spürte meine Anwesenheit. Abrupt hörte er auf zu schreien. Mutter und Hebamme sahen erschrocken zum Kind. Es schlug die Augen auf, sah mich – und lächelte. Matthes lächelte mich an. Mich!

Die Hebamme rief: „Es hat einen Engel gesehen!”

Und wie zur Bestätigung kreite Matthes wieder los.

Das war noch nie passiert, dass ein Neugeborenes mich anlächelte. So kurz nach der Geburt kann ein Säugling das eigentlich nicht. Matthes und Rebekka warteten immer sehnsüchtig auf dieses erste erkennende Lächeln.

Und doch bin ich mir sicher: Matthes hat mich angelächelt. Außerdem: kann eigentlich nicht? Das ist auch nur eine Wahrscheinlichkeit. Eine geringe, zugegeben. Das Leben selbst, seine Entstehung, die vielen einzelnen Leben haben so geringe Wahrscheinlichkeiten; da wird einem schwindlig vor lauter Nullen. Wer Gewissheit will, wer höchstmögliche Wahrscheinlichkeit will, der denke ans Sterben. Das ist immer sehr wahrscheinlich. Das Leben hingegen wimmelt nur so von Unwahrscheinlichkeiten. Deshalb ist es Leben.

Es ist auch nie wieder passiert. Dieses Lächeln verband mich mit dem Säugling. Ich nahm mir vor, ihn weiter zu beobachten. Schon damals mit einer vagen Hoffnung auf mehr.

Pastor Claudius ist kurz darauf hereingerufen worden. Ganz aufgeregt erzählte die Hebamme, der Junge hätte einen Engel gesehen und gelächelt. Fragend blickt der Pastor seine Frau an. Sie nickte und zuckte gleichzeitig mit den Schultern. Es sprach für ihn, dass er die Hebamme nicht zurechtwies. Engel! In einem protestantischen Haus. Immerhin: Das frühe Lächeln war etwas Besonderes. Und so gab der Vater hoffnungsvoll seinen eigenen Namen an diesen Sohn weiter:

Matthias
Claudius.


Kommentar des Autors:

Fast alles um die Geburt herum ist frei erfunden mit drei Ausnahmen: Claudius wurde um halb elf abends geboren. Damals gab es wirklich Geburtsstühle. Einen Hinweis darauf habe ich in einem Claudius-Brief gefunden. Und eine Abbildung seines Großvaters Nikolaus Claudius in einer Claudius-Biographie zeigte tatsächlich eine große Ähnlichkeit mit Matthias Claudius im Alter.