Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

2 - Der Mensch

 

Der Mensch

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar
Kömmt er und sieht und höret,
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret,
Und bringt sein Tränlein dar;
Verachtet, und verehret;
Hat Freude, und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts, und alles wahr;
Erbauet, und zerstöret;
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst, und zehret;
Trägt braun und graues Haar etc.
Und alles dieses währet,
Wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

 

Die beiden letzten Zeilen sind von mir. Matthes hatte mich mit der Idee überrascht, an einem Gedicht mitzuschreiben. Wir flanierten durch sein Bureau. So nannte er das Wandsbecker Gehölz. Matthes zog an seiner Pfeife und auf einmal sagte er:

„Mein lieber Freund Hain, sollten wir nicht einmal ein Gedichtchen zusammen verfassen? Mich deucht, Ihr seid ein Fachmann fürs Ende, n’est-ce pas? Also, erweist mir die Ehre und gebt mir zwei Schlusszeilen.”

„Du willst mit dem Ende anfangen?”

„Fürwahr, darauf kann nur jemand wie Ihr kommen. Natürlicherweise beginne ich mit dem Anfang. Eure beiden Zeilen sind nur der Hafen, den mein Reimschiffchen durch die poetische See ansteuert. Ich beginne mit ein paar Zeilen, noch ein paar Zeilen, etc. pp. und dann kommt Ihr und es ist Ende und Gute Nacht.”

„Aha. Nun gut, ich werde mein Bestes geben. … Äh …”

Mir fiel nichts ein.

„Ist nicht so einfach, Matthes. Von jetzt auf gleich poetisch werden.”

„Das ist unbestritten so. Doch ich habe großes Vertrauen in Eure poetischen Kräfte. Ihr seid schließlich der stärkste Schlussreim, den es gibt.”

Ich schaute Matthes an. Nichts an seiner Miene verriet, ob er scherzte. Wir gingen weiter Seite an Seite durch den Wald. Ich war wie blank. Es wollte einfach nichts kommen. Etwas geistesabwesend schnitt ich hier, schnitt ich dort. Und irgendjemand sagte „Vater” und da war’s:

„Dann … legt er sich zu seinen Vätern nieder.”

Nicht schlecht. Aber eigentlich schon Schluss. Was jetzt? Eine Zeile brauchte ich noch. Matthes wartete.

„Und … er kommt nicht mehr wieder”, schoss ich hinaus.

Ich schwitzte. Matthes schwieg.

„Das sind Eure beiden Zeilen?”, fragte er schließlich.

„Ja.”

Schweigend gingen wir weiter. Plötzlich klatschte er sich mit dem Handrücken an die Stirn und rief:

„Öch bön röinört. Hach, die Dichtergilde wird mich aus ihren Reihen ausschließen. Bis zu meinem letzten Tage werde ich unbeachtet und verstoßen Gedichtchen in Birken ritzen müssen, weil sie keiner mehr drucken mag.”

Und brach in ein Gelächter aus, das die Vögel verschreckte. Konnte sich schier nicht mehr einkriegen. Lachte Tränen.

„Was hast du? Es reimt sich doch.”

Matthes sah mich an und lachte wieder los.

Ich werde nicht oft ausgelacht. Genauer gesagt: Niemand! lacht. Matthes durfte. Er war mein Freund. Er hatte mir beigebracht zu lachen. Und doch wurde ich ungeduldig. Verärgert erschien ich einem Hamburger Säufer als Sensenmann, was seine Lebenszeit um ein paar Sekunden verkürzte. Endlich wischte sich Matthes die Tränen aus den Augenwinkeln.

„Ach, Freund Hain, da hast du mir eine schöne Aufgabe gegeben.”

„Ich verstehe nicht. Was ist falsch an den Zeilen?”

„Nichts ist falsch, Freund Hain. Es sind ehrliche Zeilen eines ehrlichen Mannes, nur … Höret einmal ganz genau hin: Dann LEGT er SICH zu SEInen VÄtern NIEder, UND er KOMMT NICHT mehr WIEder. Deuchten Euch diese beiden Zeilen nicht ein wenig verschiedenartiger Natur zu sein?”

Ja, so gesagt stimmte etwas nicht.

„Mein lieber Freund und Dichterbruder, du hast mir als Reimpaar einen jambischen Fünfheber serviert und einen Vierheber, dessen Metrum im Vergleich dazu dem gelehrten Auge etwas jenseits der Konvention erscheint. Aber sei versichert, wie ein Baum der Sonne entgegen wächst, so werde ich an diesem Problem wachsen.”

Und er reckte die Nase schräg in die Luft, wischte sich eine unsichtbare Haarsträhne aus der Stirn, zog an seiner Pfeife und lachte und hustete und erstickte halb.

Am Ende war er meinen Zeilen tatsächlich gewachsen. Er mühte und plagte sich. Schrieb und zerriss. Verzweifelte. Und griff zur Bibel. Blätterte. Und fand Inspiration bei Salomo:

„Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, würgen und heilen, brechen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen, Stein zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zunähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit. Man arbeite, wie man will, so hat man doch keinen Gewinn davon.”

Von da waren es noch immer viele Variationen. Doch am Ende fiel alle Mühe von ihm ab. Matthes war glücklich. So glücklich, dass er noch eins draufsetzte: Er färbte meine beiden Zeilen mit Dialekt. Aus „dann” wurde „denn”, aus „kommt” wurde „kömmt” und aus „nicht mehr” „nimmer”. So war es ein echter Claudius.

Veröffentlicht hat er das Gedicht im vierten Teil seiner gesammelten Werke. Typisch für ihn: Er legte eine Spur. Nur ein paar Seiten vorher brachte er einen Artikel zu den Sprüchen Salomos. Die entscheidende Stelle zitierte er nicht. Die war den Lesern wahrscheinlich eh bekannt. Damals las man die Bibel noch. Einen größeren Bestseller hatte es nie gegeben.

Hunderte Jahre später brauchte es intensive Forschungstätigkeit, um diese Zusammenhänge wiederzuentdecken. Eine Frau Kranefuss zu Göttingen erlas den Salomo in Matthes Gedicht. Bravo! Und in all den Jahren hat sich niemand beschwert über meine Zeilen, nicht die Gelehrten und auch nicht die forsche Frau Kranefuss.


Kommentar des Autors:

Mir schien es wichtig, Matthias Claudius bereits hier als ausgewachsenen Dichter zu präsentieren, da es noch einige Dutzend Seiten braucht, bis er diesen Status erreicht. Ihn zu unterschätzen, hat eine lange Tradition. Dem wollte ich vorbeugen. Den Wechsel der Anredeform innerhalb des Gesprächs habe ich als Idee bei Matthias Claudius selbst geklaut, der das in seiner ausführlichen Freund Hain-Widmung zum ersten Teil seiner gesammelten Werke so gemacht hat. Die letzte Zeile des Gedichts lässt sich metrisch auch als Dreiheber lesen, nur das „er“ wird meiner Meinung nach auf keinen Fall betont, um den Jambus zu erhalten. Frau Kranefuss ist keine Erfindung von mir. Annelen Kranefuss hat 1973 eine Dissertation zu den Gedichten von Claudius geschrieben. Knapp 40 Jahre später kam dann noch eine Claudius-Biographie dazu. Diese beiden ersten Kapitel bilden übrigens eine Klammer mit den beiden letzten. Auch ich mag Kreise.