Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

1 - Wie anfangen?

 

Wie anfangen? Ich weiß das nicht. Für Anfänge bin ich nicht zuständig. Und das Ende? Habe ich vermurkst. Es war keine peinliche Angelegenheit, auch kein Gemetzel. Niemand hat etwas gemerkt. Aber ich habe. Ausgerechnet bei dem einzigen Freund, den ich jemals hatte, habe ich das Ende vermurkst.

Fange ich woanders an. Ein anderes Ende. Eins mit besseren Erinnerungen: Anna Maria Thyßen, Schuhmacherwitwe. An diese Frau erinnert sich keiner mehr. Traurig, sie hätte es verdient. Doch so war das damals: Wer nicht durch Rang und Adel protegiert wurde, – nichts zu machen.

Ich erschien Anna-Maria Thyßen in Gestalt ihres Mannes. Sie starb am 15. August 1740 in Heilshoop. Kurz danach wurde Matthes im nahen Reinfeld geboren. Das Datum musste ich trotzdem nachschauen. Ich habe mir noch nie eins merken können bis auf eine einzige Jahreszahl. Zeit ist für mich nicht wichtig.

Die Kinder waren alle da. Na ja, Kinder waren sie nur für ihre Mutter. Zwei hatte ich schon geschnitten, blieben sieben. Bertha Auguste, mit über 60 die Älteste, hatte den Jüngsten herumgeschickt: Johannes, nach seinem Vater benannt. Zwei Ehefrauen waren ihm bei Geburten verloren gegangen. Danach blieb er lieber allein.

Die sieben quetschten sich in Mutters Schlafkammer. Eine Kerze am Bettkopfende war das einzige Licht. Sie warteten. Auf mich.

Anna Maria hätte Ende August noch mal Geburtstag gehabt. Sie war weit über 80 – ein biblisches Alter damals. Ihre Eltern hatten noch den 30-Jahre-Krieg miterlebt. Ich hätte sie gern an ihrem Geburtstag geschnitten: Das wäre der perfekte Kreis gewesen. Ich liebe Kreise. Doch die Kraft war schon zu stark. Ihr musste ich folgen.

Anna Marias Mann Johannes war kurz vor der Geburt seines letzten Sohns auf meine Seite gewechselt. Was immer meine Seite auch ist. Sie brachte die Kinder alleine durch mit dem kleinen Schuhmacherladen. Keine Ahnung wie. Mit ihrer Idee ist es ja nichts geworden.

Witwenprivileg hieß das. Die Zunft stimmte zu und sie durfte den Laden selbst führen. Bis ihr Ältester Meister wurde. Anna Maria kannte das Handwerk. Ihr Vater war mit der Familie als Schuhmacher durchs Land gezogen. Niederlassen? Kam nicht infrage. Sich an einen Ort zu binden, brachte Unheil. Das hatte ihn der Krieg gelehrt.

Ihre Idee? Ungleiche Schuhe. Links anders als rechts. Simpel. Gab es bis ins Mittelalter. Dann nicht mehr. Links und rechts waren gleich, die Füße nicht. Das hatte Folgen. Doch Anna Maria Thyßen wurde vergessen. Jetzt heißt es, ein Hermann von Meyer hätte die Idee gehabt. Irgendwann hundert Jahre später. Ihr erster Kunde von Rang, der war ihr Verderben – Graf Ruska.

Vielleicht hätte ich mit ihm anfangen sollen, denn er führte mich zur Schuhmacherwitwe. Der Graf fiel mir auf, als ich den Freiherrn von Gerlinger schnitt. Was nicht schwer war, weil er immer auffiel. Der Freiherr schied glücklich aus dem Leben. Ich war ihm als sein jung verstorbener Sohn Alexander erschienen. Gerade wollte ich meine Gestalt auflösen, als jemand sagte:

„Die Herrin möge seiner Seele gnädig sein.”

Die Herrin? Ich sah mich um. Die Witwe schluchzte in ihr Taschentuch. Die anderen Anwesenden schauten demonstrativ nicht zum Grafen hinüber. Meinte dieser Mann wirklich? Ja, er meinte: Gott ist eine Frau.

Ich behielt Graf Ruska im Auge, mischte mich aber nicht in sein Leben ein. Er hatte auch so zu tun. Verspielte sein gerade geerbtes Gut in einer einzigen Nacht. Durfte sich bald nicht mehr am preußischen Hof blicken lassen. Nicht wegen Spielsucht, nein. Seine Ansichten über Gott und die Welt hatten sich bis ganz nach oben herumgesprochen. Das Urteil lautete: inkommodierend und nicht tolerabel.

Herzog Johann Adolf von Plön nahm den Grafen auf. Ihm war der König in Kopenhagen wesentlich näher als der preußische Hof. Und: Er hörte einfach nicht hin.

Das Land solle denen gehören, die es beackerten?

„Natürlich, Herr Graf, Sie sind am Zug.”

Als Schachgegner war Graf Ruska unersetzlich. Es ereigneten sich jeden Abend phantastische Partien, unterhaltsamer als jeder Maskenball.

Eigentlich war der Graf dem Herzog über. Zeitweise hatte er sich mit Schach über Wasser gehalten. Spielte mit verbundenen Augen gegen jeden Herausforderer. Um Geld versteht sich.

In Plön setzte Graf Ruska eine neue spleenige Theorie in die Tat um: Könige müssten Vorbild sein, also auch in der Schlacht vorangehen. Es gäbe weniger Kriege dann. Nicht zu bestreiten. Nur keine gute Schachstrategie, wenn der König in der Eröffnung ins Freie geführt wird. Das ergab nicht weniger Schachkriege, nur mehr Schachsiege für den Herzog von Plön.

Es muss der zweite oder dritte Herbst gewesen sein, nachdem Anna Maria den Schuhmacherladen übernommen hatte. Die Barfuß-Saison war vorbei. Die Kinder bekamen frisch gefertigte Schuhe aus Mamas Werkstatt. Zuerst gab es großes Gemaule. Die Schuhe sahen anders aus. Links und rechts verschieden, vorbildlich orthopädisch geformt. Mit der Zeit verstummten die Proteste. Die neue Passform war bequem und gut zu den Füßen. Das erkannte auch Graf Ruska.

Beim Kirchgang am Sonntag entdeckte er die Thyßen-Schuhe. Die Schuhe hätten sich den Füßen anzupassen, nicht andersherum. So lautete nun sein Motto. Zum Neujahrsball des Herzogs ließ er sich ein Paar anfertigen. Auf Pump.

Er tanzte die ganze Nacht. Ihn als Tanzpartner abzulehnen hätte sich nicht geziemt. Die Damen mussten Rücksicht auf den Herzog nehmen. Der Graf preiste die Schuhe in den höchsten Tönen. Und tatsächlich: Seinen Füßen ging es am nächsten Tag gut. Nur um die Idee der Schuhmacherwitwe stand es schlecht.

Narrenschuhe nannte man sie hinter dem Rücken des Grafen. Ihre Vorteile fanden kein Gehör. Der Überbringer der guten Nachricht war nicht gesellschaftsfähig. Die Botschaft wurde durch den Boten getötet.

Anna Maria machte schwere Zeiten durch. Ihre adelige Hauptkundschaft mied sie. Erst als der älteste Sohn übernahm, änderte sich das. Die Schuhe wurden weiterhin nicht aus demselben Leisten erstellt. Der Unterschied war nur wesentlich unauffälliger. Den Füßen tat es gut. Die Kunden waren zufrieden. Und das Geschäft lief.

Den Grafen verlor ich bald aus den Augen. Ein Familienleben wie bei Thyßens war viel interessanter. Ich gestehe, ein klein wenig habe ich nachgeholfen, dass Anna Maria und ihre Kinder durchkamen. Jedes Jahr im Herbst ließ ich mir in anderer Gestalt ein Paar Stiefel fertigen. Geld zu beschaffen war kein Problem. Die Toten gaben reichlich. Und die Stiefel? Die stellte ich mal hier, mal dort vor eine Haustür.

Graf Ruska sah ich am Ende noch mal wieder, so wie ich jeden irgendwann wiedersehe. Sein Abgang war nicht sehr würdig, unappetitlich gar. Kein Vergleich zu Anna Marias letzten Stunden.

In ihrer Schlafkammer waren die leisen Gespräche verstummt. Ab und an nickte ein Kopf hinunter, um gleich ruckartig wieder hochgehalten zu werden. Nur Sohn Johannes schlief unbemerkt auf seinem Stuhl. Er saß am weitesten entfernt von der einzig brennenden Kerze.

Die Kraft war kurz vor dem Höhepunkt. Anna Maria dämmerte vor sich hin. Es wurde Zeit für mich. Ich nahm die Gestalt ihres Mannes an. Die Kinder sahen mich nicht. Mich sieht nur, wen ich sehen lasse. Anna Marias Augenlider flatterten. Benommen orientierte sie sich. Dann leuchteten ihre Augen auf.

„Johannes”, flüsterte sie.

Die Kinder sprangen auf. Ich schnitt.


Kommentar des Autors:

Was könnte man nicht alles in den Kommentar zum ersten Kapitel schreiben, doch: Wie anfangen? Fange ich halt mit dem Schreibstil an. Kurze Sätze, zum Teil subjektlos, wer, wenn nicht Freund Hain, hat das Recht so zu erzählen? Inhaltlich dient das Kapitel dazu, ein paar Spielregeln betreffend Freund Hain einzuführen (die Kraft, die Gestalt, der Schnitt), ein paar Themen zu setzen und in die Zeit einzuführen. Die Figuren dieses Kapitels sind für den weiteren Fortgang nicht wichtig. Das ist wie bei „Spiel mir das Lied vom Tod“, wo drei Revolverhelden in der ersten Szene ausführlich ins Bild gerückt werden, um dann allesamt in den Staub zu fallen. Diese Analogie ist mir erst jetzt aufgefallen, wie überhaupt bei diesem Roman sich vieles beim Schreiben ergeben hat, was so nicht vorausgeplant war. Anderes hingegen ist genau ausgetüftelt, z.B. die Erwähnung der Frauen von Johannes, die bei Geburten starben, und der Name des Grafen Ruska, durch den ich meinen eigenen kurzen und – wie es sich für diese Geschichte gehört – tödlichen Auftritt als Anagramm habe.