Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

November-Gedichte

Der November gilt eher als trübsinniger Monat: viele stille Feiertage, grausames Wetter, der Herbst putzt die letzten Bäume kahl. Trotzdem kommt er bei den Dichter gar nicht so schlecht weg, die in ihren Gedichten zum November auch die schönen Seiten sehen.

 

Gedicht zu Allerheiligen

Ein Gedenkgedicht zu Allerheiligen macht den Anfang.

Dauthendey: Erster November

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Noch mal Allerheiligen

Eigentlich könnte das folgende Gedicht als November-Haiku durchgehen, nur haben Haiku keine Titel und der Titel ist hier wichtig.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Allerheiligen

Am Abend –
hinter den Kirchenfenstern
ist Licht.

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Kommentar Hans-Peter Kraus:
Normalerweise ist das Hilfsverb „sein“ eine schwache Lösung, wenn es wesentlich konkretere Alternativen gibt, hier z.B. brennen, flackern, lodern, scheinen, glühen. Doch ich meine, „ist Licht“ öffnet wesentlich mehr Assoziationen und Gedanken, von klanglichen Aspekten ganz abgesehen.

 

Der November und die Toten

Der November ist traditionell ein Monat mit Totengedenktagen. Das folgende November-Gedicht sorgt für die rechte Stimmung:

Greif: Novemberstimmung

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Novemberwetter

Eine überraschende Erklärung für das schauerliche Novemberwetter bietet Hans Retep: Der Monat kann nichts dafür.

Hans Retep · geb. 1956

Dichterregel zu November

Bringt der November reichlich Regen,
macht er’s nur des Reimes wegen.
Bringt er aber Sonnenschein,
zeigt als Monat er viel Mut,
weil er Gutes reimlos tut.

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Lob des Novembers

Hier scheint der Dichter völlig übergeschnappt zu sein, wenn er den November über alle Maßen in seinem Gedicht lobt. Man muss schon bis zum Ende lesen, um das zu verstehen.

Seidel: November

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Novemberlese

Auch das ist November: Das Schwelgen in Erinnerung an bessere Tage auf der einen Seite und das Liederlesen im Verfall auf der anderen, womit nichts anderes gemeint sein dürfte, als dass der Dichter Stoff für Gedichte findet.

Dauthendey: November

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Novemberballade

In der Geschichte von Maria und ihrem Kind klingt der Weihnachtsmythos an, doch der November und die Krähen lassen eine ganz andere Stimmung entstehen - Novemberstimmung eben.

Franz Werfel · 1890-1945

Madonna mit den Krähen

Es ist November in der Welt.
Der Baum hebt nackt sein Krüppelbein.
Gebüsch bebt, bettelnd hingestellt.
Vereinsamt stiert der Meilenstein.
Frech wie ein Storch auf brachem Feld
Die alte Vogelscheuche lungert.
Die Mutter schleppt sich querfeldein.
Das Kindlein friert, das Kindlein hungert.

So grau war noch November nie.
Die Mutter rastet auf dem Stein.
Das Kind liegt schlaff auf ihrem Knie.
Wie sie allein ist nichts allein.
Wohl besser wär’s, es würde schnein,
Verschnein die Weiten und die Nähen,
Sie hebt den Kopf, sie hört ein Schrein,
Die Krähen kommen, hundert Krähen ...

Das Volk rauscht durch die Luft und schlägt
Und taumelt um Marias Haupt.
Doch keine Kräh im Schnabel trägt
Ein Bröcklein, fluges wo geklaubt.
Nie war die Welt so ausgeraubt.
Die Krähen rings verzweifelt streichen,
Aus Feld und Bäumen, todentlaubt,
Der Mutter Speisung darzureichen.

Nicht Korn und Haselnuss gibt’s mehr.
So kahl war kein November noch,
Und keine Nacht so liebeleer
Wie diese, die jetzt näherkroch.
Die Schwärze schlurft aus Schlucht und Loch.
Maria haucht, ihr Kind zu wärmen,
Und beugt sich tief, wenn immer noch
Die Krähn sie wahnsinnschnell umschwärmen.

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Ein November-Gedicht von Klabund

Einen sehnsüchtigen Blick zurück und nach vorn wagt das liebende Ich im November.

Klabund: Novemberelegie

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Sehnsucht im November

Selbst ein Novembersturm kann eines nicht verjagen: die Sehnsucht nach einem geliebten Menschen.

Müller-Jahnke: Im Novembersturm

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Novemberstimmung

Nein, heiter ist dieses Novembergedicht nicht, obwohl der Schluss ein kleines bisschen als Pointe daherkommt.

Arno Holz · 1863-1929

Unter ...

Unter
dunkelen, treibenden,
tiefschwerschleppenden Novemberwolken
verdämmert ... die Heide!

Gebückt
am Wegrand, kopfnickstumm
sitzt du, starrst du
und
... stierst ...
auf ... deine welken ... Hände.

Hofft,
harrt und ... hämmert in dir
noch
ein ... Herz?

Lebst ... du ... noch?

Schleichend,
unheimlich und tückisch,
durch
schwarzes, spitzes,
feuchtstarres Stachelgras
immer
näher und näher,
ein
klapperndes ... Rascheln.

Schauernd, eiskalt,
genickhoch
ein ... Hauch.

Gemartert,
im Dornenstrauch,
windgepackt, windgezwackt,
windgezaust
zittert ... ein ... letztes
Blättchen!

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Aufmunterndes November-Gedicht

Heinrich Hoffmann weiß aus all dem Trübsal noch etwas aufmunternde Weisheit für sein Novembergedicht zu saugen.

Hoffmann: November

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November für Männer

Laut diesem Gedicht kommt der November gerade recht für harte Kerle mit gebrochenem Herzen. Immerhin lernt man etwas über das Liebesleben der Wintermotten.

Löns: November

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Zweiseitiges November-Gedicht

Zum Glück ist das Gedicht nicht zweiseitig im Sinne von Länge, sondern zweiseitig wie die zwei Seiten einer Medaille.

Hans Retep · geb. 1956

Zweierlei November

November, November,
ein Wetter unnennbar,
so trübe, so grau und so kalt.
Jetzt kommt es noch schlimmer,
so kommt es ja immer,
denn sieh: Es weihnachtet bald.

November, November,
ein Wetter unnennbar,
so trübe, so grau und so kalt.
Der einzige Segen
inmitten von Regen,
der ist: Es weihnachtet bald.

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Novemberwatte

Eine typische, trostlose Stimmung an einem Novembersonntag beschreibt dieses Gedicht, so trostlos, dass man selbst Dinge vergisst, die immer da sind.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Letzter Sonntag im November

Ein kalter, grauer Wattetag.
Ich gehe trotzdem raus.

Klopfen.
Ein Specht oben im Baum.
Eine Krähe hoch am Himmel.

Noch ein Specht.

Kein Wind.
Kein Mensch.

Ab und an
eine scheltende Amsel auf der Flucht
vor mir.

Ach,
das Rauschen der Autobahn.

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Novembermorgen

Ein trüber Novembermorgen ist das Thema dieses Gedichts. Beachtenswert ist der Schlussvers, dessen Zweiteiligkeit und Überlänge den Reimklang fast vollständig verweigert.

Ernst Lissauer · 1882-1927

Erwachen im November

Ist nicht ein Gram gesessen mir zu Häupten?
Ich schlief so hart und bin so dumpf erwacht;
Als ob Gewölke blasser Asche stäubten,
Färbt sich mit schalem Tag die Nacht.
Noch kann ich nicht die Stube sehen.
Sie ist voll Schwermut wie ein Schiff voll Fracht.
Noch weiß ich keinen Schmerz. Jedoch er wird geschehen.

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