Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Dezember-Gedichte

Es ist gar nicht so einfach, Gedichte zum Dezember zu finden, ohne die Themen Advent, Nikolaus, Weihnachten und Silvester zu berücksichtigen, aber ich habe tief gewühlt in der Lyrikschatztruhe und doch ein paar lesenswerte Gedichte gefunden, die sich ausdrücklich auf den Dezember beziehen. Der Winter ist wiederum ein anderes Thema.

 

Gedicht über einen Dezembermorgen

Einen winterlichen Bilderbuchmorgen schildert Karl Röttger in diesem Dezember-Gedicht.

Karl Röttger · 1877-1942

Des Wunders lächelnd staunend, das geschah ...

Des Wunders lächelnd staunend, das geschah,
Stand ich am Morgen leise fröstelnd, sah
Die Heide blitzend, funkelnd, übersät;
Als die Dezembersonne mild und spät
Hinter den Kiefern aufstieg ... Silberblinken,
Glitzern und Blitzen aller Nähe, Weite
Im Winterlicht ... Und bronzen ein Geläute
Vom Dorf her: – Morgenglocken; – und ein Winken
Des Horizontes blauzart; fernklar, fein:
Wie hingehaucht. Und eine Stille dann
Fing durch das Strahlende zu wandern an,
Und fand auf weißen Wegen sich allein. ... O, ganz allein.

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Dezember-Phantasie

Der Dezember ist nur eine Frage der Phantasie. Das kann man zumindest dem folgenden Gedicht entnehmen.

Schack: Am Kamin

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Winteranfang im Dezember

In diesem Dezember-Gedicht wird vom Dichter die Innerlichkeit gepriesen, die der beginnende Winter erzwingt. Der gute Mann kannte eben die Segnungen des Fernsehens noch nicht, dass jede Art von innerer Sammlung zu stören sucht.

Grillparzer: Dezemberlied

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Dezemberwendegedicht

Die Sommersonnenwende ist aus welchem Grund auch immer der bekanntere Wendepunkt. Doch verdiente die Wintersonnenwende am 21./22. Dezember wesentlich mehr Beachtung. An diesem Tag sollten eigentlich Geschenke verteilt und Raketen abgefeuert werden, denn es geht aufwärts: Die Tage werden wieder länger.

Jakob Schiff · 1852-?

Winter-Sonnwend-Fest

Nun bedeckt der Schnee die Fluren weit und breit;
Der Wald, das Feld, der Garten sind verschneit,
Ein Leichentuch liegt auf der Erde.
Doch wissen wir, darunter formt sich still
Die Pflanze, die zum Lichte dringen will,
Und hofft, dass holder Frühling kommen werde.

Ringsum herrscht Friede. Froher Festestraum
Weht durch die Welt. Den trauten Tannenbaum
Ziert Lichterschmuck und Liebesspende.
Horch – Glockenklang! Ein würdiger Choral
Schwebt sanft verhallend über Berg und Tal –
Das ist die Zeit der Wintersonnenwende!

Du müdes Menschenherz, vom Leid erfasst,
Aufstöhnend unter bittrer Sorgen Last,
Du sollst dich nicht verloren wähnen!
Schon keimt der Trost, der künftig dich beglückt,
Die Liebe waltet, die den Lenz dir schmückt:
Ein Freudensonnenstrahl trinkt deine Tränen.

Verzage nicht! Sei stark und fasse Mut!
Gewiss, es wird noch alles, alles gut,
Und jeder Kummer hat ein Ende!
Die Hoffnung gießt, das wahre Weihnachtskind,
In alle Seelenwunden Balsam lind
zur Wonnezeit der Wintersonnenwende!

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Noch mal Wintersonnenwende

Nach dem Tiefpunkt mit der längsten Nacht erreicht ist, weckt der Dichter hier schon Frühlingsgefühle, was vielleicht ein wenig übertrieben ist, aber Dichter dürfen das.

Ernst Lissauer · 1882-1927

Nach der Wintersonnenwende

Dann kommt ein Tag, du bist wie aufgewacht,
Vorüber ist die längste Nacht,
Du fühlst wie Frühling an die Augen wehen,
Von neuem hebst du an zu sehen,
Es ist noch nichts geschehen,
Und doch ist dir, du habest viel vollbracht.

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Jahresendgedanken

Vielen geht es ja so, dass sie sich am Jahresende wundern, dass das Jahr schon wieder herum ist. Wo ist die Zeit geblieben? Dieses Dezember-Gedicht gibt Antwort.

Hans Retep · geb. 1956

Dezembergedanken

Das alte Jahr,
wo ist es hin? Wer hat’s gesehn?
Und was ist bloß mit unsrer Zeit geschehn?

Die Rede geht vom alten Jahr,
es würde über Weihnachtsmärkte fliehen,
im Sack die Zeit, die uns nur war geliehen.

Nun denn:
Was nützt es, nach der alten Zeit zu schauen?
Es ist gesät,
wir wollen auf das neue Jahr vertrauen,
damit es gute Arbeit reich belohnt,
doch uns mit schlechter Nachricht möglichst schont.

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Blick zurück und nach vorn

Die Trübe-Tassen-Zeit zwischen den Feiertagen wird in diesem Dezember-Gedicht zu einem Blick zurück und nach vorn genutzt, wobei ein einschneidendes Ereignis überraschenderweise keinerlei Hinderungsgrund darstellt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Rückblick zwischen den Feiertagen

Was war gut in diesem Jahr?

 

Und sonst?
Bei der Arbeit habe ich mich
von Tag zu Tag gequält.
Natürlich habe ich mich
wieder in die falsche Frau verliebt.
Mein Körper hat für mich
neue Schmerzen gefunden.
Die Kunst des Michtunglücklichmachens habe ich
durch Gedankenkreiseln zur Vollendung gebracht.

Zum Glück bin ich gestern gestorben.
Das macht mir Hoffnung.
Nun bin ich jenseits
von Optimismus und Pessimismus.
Das Glas ist weder halb voll
noch halb leer.
Es ist nicht.
Es kann nur werden.
Und Werden
ist immer schöner
als Sein.

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Schlussbilanz

Herr Hoffmann wünscht Bilanz zu ziehen. Dafür ist zweifellos der Dezember ein geeigneter Monat.

Hoffmann: Dezember

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Ende und Anfang

So ist der Mensch eben gebaut: Das Jahr mag trüb zu Ende gehen und auch sonst keinen Frohsinn verbreitet haben, doch der lockenden Schein des neuen Jahres Ende Dezember gibt wieder Hoffnung.

Richard von Schaukal · 1874-1942

Am letzten Tage des Jahres

Gehst zu Ende, trübes Jahr,
schwindest zu den grauen Müttern,
deren scharrendes Erschüttern
dich zu karger Frist gebar.

Und auf den gelähmten Schwingen
lastet dir gehäuftes Leid,
dauernde Vergangenheit,
der wir nimmer uns entringen.

Aber schon ein schwacher Schein
hinter dem gebückten Rücken
nimmt uns, nie genug zu drücken,
gern betörte Hoffer ein.

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Das Ende

Zum Schluss kann es auch mal trübe werden: Das Wetter, die Gedanken und zu sehen gibt es auch nichts Erhebendes.

Hans Retep · geb. 1956

Letzter Tag des Jahres

Der Himmel grau
Der Regen auch
Noch unterm kahlen Strauch
Verendet eine Taube

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Noch mehr Jahresende

Dieses Dezembergedicht gibt die Stimmung wieder, dass man manchmal froh ist, wenn so ein nichtsnutziges Jahr endet. Viel Hoffnung macht es allerdings auch nicht.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Das Jahr endet

Grausame
durchkreisen die Nacht ohne Namen.
Weißes Gift
sät sich aus.
Das Jahr endet
wie ein verlorener Krieg,
und die Glocken der schwarzen Türme
erinnern an die furchtbare Macht
der Märchenbücher.
Blut
ist keine Lösung.
Irgendwo
muss es sie geben,
die Feuerstelle,
in der die Asche noch warm ist.

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