Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte Vater und Sohn 1

Vater und Sohn ist eine nicht ungefährliche Beziehung, wie schon Ödipus’ Vater erfahren musste. In den Gedichten auf dieser Seite überwiegen jedoch die schönen Seiten dieser Beziehung, wenn der Vater z.B. dem Sohn Ratschläge fürs Leben gibt. Was der Sohn daraus macht, ist wieder ein anderes Kapitel.

 

Willkommensgedicht eines Vaters

In diesem Gedicht spricht ein stolzer Vater, der jedoch noch rechtzeitig die Kurve bekommt, bevor er seinen Sohn mit Erwartungen überfrachtet.

Jakob Loewenberg · 1856-1929

Ein Junge

Sonne, komm rasch an mein Fenster gesprungen,
Lache mit mir, – ich hab einen Jungen!
Siehst du, wie groß seine Augen, wie hell?
Ist’s nicht ein prächtiger, strammer Gesell?
Regt er das Händchen schon, nach dir zu langen?
Küss ihn nur, küss ihn auf Stirn und Wangen,
Weih ihn zum Leben mit heiliger Glut,
Gib ihm den leuchtenden, fröhlichen Mut,
Dass er im dunkelsten Erdenweh
Gläubig hinauf zum Lichte noch späh.
Was ich im Dämmer kaum wagte zu träumen,
Lass in des Tages Flut ihn umschäumen.
Wo mir das Schwert aus der Hand geglitten,
Nehm er es auf und weitergestritten!
Wo ich am Wege müde blieb stehn,
Soll bis zum Ziele siegkräftig er gehn.
Soll – nichts soll er, sich selbst nur bewähren
Und um den Vater den Teufel sich scheren!
Sonne, komm rasch an mein Fenster gesprungen,
Lache mit mir, ich hab einen Jungen!

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Gedicht über väterliche Ratschläge

Erich Mühsam hat einige väterliche Ratschläge an den Sohn in ein Gedicht gepackt, so von Erfolgsmensch zu Erfolgsmensch.

Mühsam: Erziehung

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Aufforderung zum Ungehorsam

Auch das gibt es: Die Natur als väterliches Beispiel, um dem Sohne Ungehorsam beizubringen. Auf eine solch verrückte Idee kann nur ein Dichter kommen.

Dehmel: Lied an meinen Sohn

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Sohn hilft Vater

Ohne es zu wissen hilft in diesem Gedicht der Sohn dem Vater, der sich an einen Ratschlag aus einem Lied hielt, das erst viele Jahre später in Frankreich entstehen sollte: Prendre un enfant par la main.

Richard von Schaukal · 1874-1942

Waldgang

Mir war die Brust mit dumpfem Groll beladen,
ein schwarzer Unmut übermannte mich,
fast kam der schöne Tag mir schon zu Schaden,
als ich um Hilfe in den Wald entwich.

Ich führte meinen Knaben an der Hand,
er hatte sie mir sanft wie sonst gegeben:
noch war sie mir nur ein gewohntes Band,
doch einte sich mir leis ihr liebes Leben,

und während wir im Schweigen langsam stiegen
und über mir der Himmel sich verlor,
hob aus der Finger süß vertrautem Schmiegen
die Seele sich geläutert mir empor.

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Ein Kind an die Hand nehmen

Auch in diesem Gedicht hat Prendre un enfant par la main einen kleinen Logikfehler.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Mein kleiner Sohn

Wir gehen Seite an Seite.
Er hat sich damit abgefunden,
dass wir den Spielplatz verlassen
und nach Hause mussten.
Aber brummelig ist er doch.
Da kommt uns ein alter Mann
mit wirrem Haar entgegen,
der Unverständliches in seinen
zauseligen Vollbart murmelt.
Eine kleine Hand greift
nach meiner Hand,
ich halte sie fest,
wir schauen uns an
und lächeln.
Der alte Mann kommt näher,
wir weichen aus,
er beachtet uns nicht.
Dann ist er vorbei.
Die kleine Hand löst sich
nicht aus meiner Hand,
und so gehen wir weiter.
Es tut gut, mein Sohn,
deine kleine Hand zu spüren,
es ist nur schade,
dass du nie geboren wirst.

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Papa erzählt

Die gute, alte Tradition des Geschichtenerzählens führt in diesem Vater-Sohn-Gedicht zu einem Moment der besonderen Verbundenheit.

Jakob Loewenberg · 1856-1929

Schneewittchen

„Erzähle, Vater, ach erzähle,
Ein Märchen nur; ich hör schon zu.“
Nun gut, sonst lässt die kleine Seele
Mich heute doch nicht mehr in Ruh.

Und ich erzähle von Schneewittchen,
Dem wunderschönen Königskind,
Dem in in der treuen Zwerge Hüttchen
Das böse Weib Verderben sinnt.

Und als es ihr beinah gelungen,
Schneewittchen schon wie tot erscheint,
Da fühl ich plötzlich mich umschlungen,
Da schluchzt der kleine Kerl und weint.

Kaum dass die Tränen ich verwinde!
So hat mich lange nicht gerührt,
Wie da zuerst bei meinem Kinde
Den Hauch der Menschheit ich gespürt.

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Gedicht zum Vater-Sohn-Glück

Dieses Gedicht stellt klar, dass zum wahren Vater-Sohn-Glück nicht zwei gehören, sondern drei:

Theodor Herold · 1871-1934

Wir drei

Auf meiner Stirne steht der Schweiß,
Ich schüttle den Staub von den Sohlen:
Der Julitag war schwer und heiß,
Nur ruhen und Atem holen.

Und langsam steig ich die Treppen empor,
Wohl an die vierzig Stufen,
Da tönt ein Stimmchen an mein Ohr
Wie silbernes Glockenrufen.

Und versunken war alle Sorge und Last,
Leicht bin ich emporgesprungen.
Und hielt mit beiden Armen umfasst
Mein Weib und meinen Jungen.

Er zog mir vom Kopf den grauen Hut,
Er zerrte mich in die Stube,
Und dann balgten wir uns vor Übermut:
Ich und mein blonder Bube.

Du lachtest dazu, und die Sonne fiel
Hellflutend durchs offene Fenster.
So bannten wir drei in goldenem Spiel
Die grauen Alltagsgespenster.

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Papa singt ein Wiegenlied

Das ist mal ein feiner Zug, wenn der Papa den Sohnemann zu Bett bringt und ihm ein Schlaflied siegt – in der Theorie. In der Praxis gibt es gewisse Schwierigkeiten, die rein praktischer Natur sind.

Dehmel: Wiegenlied für meinen Jungen

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Das Ende einer Vater-Sohn-Beziehung

Auch nach dem Ende herrscht hier zwischen Vater und Sohn kein eitel Sonnenschein. Der Qualm ist im Weg.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Mein Vater

Mein Vater hinterließ wie üblich eine Qualmwolke,
als er im Krematorium geäschert wurde.
Er hatte sich nicht sonderlich geändert,
nur kam der Qualm hier durch den Schornstein
und nicht aus Mund und Nase
wie früher,
als er mit seiner Pfeife
die Luft verpestete,
mein Vater.

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Abschied eines Vaters

Um dieses Gedicht würdigen zu können, muss man wissen, dass Adam Kuckhoff es zwei Tage vor seiner Hinrichtung geschrieben hat.

Adam Kuckhoff · 1887-1943

Für Ule

Mein lieber Sohn, du großes, spätes Glück –
so lasse ich dich vaterlos zurück?
Ein ganzes Volk, nein, das ist viel zu klein:
das Menschenvolk wird dir dein Vater sein.

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Väterliches Erbe

Früher war eben nicht alles besser. Man hat es nur vergessen oder nicht darüber gesprochen. Doch in diesem Gedicht spricht der Sohn über das Schicksal seines Vaters, das nun auch ihm droht.

Wildgans: Vor dem Bilde meines Vaters

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Sohn an Vater

„Die Liebe war nicht geringe“, wie es mal ein anderer Dichter formulierte, nur mit dem Formulieren klappt es hier nicht so gut. Aber was sind schon Worte unter Männern?

Ringelnatz: An den Vater zum Geburtstag

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