Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte über die Kindheit

Lang ist sie her, die Kindheit, über die Dichter in Gedichten schreiben. Daher muss man ein bisschen nachsichtig sein, wenn sie die Kindheit zu sehr verklären. Aber vielleicht ist es gerade das, was ein Leser, der Gedichte über die Kindheit sucht, lesen möchte: Ein Rückblick auf die gute, alte Zeit, als das Leben noch einfach war.

 

Ein Gedicht über die Kindheit von Heinrich Heine

Heinrich Heine kann sich noch an einige Einzelheiten aus der Kindheit erinnert. Oder vielleicht sind es auch nur die Erinnerungen eines fiktiven Anderen, die er in einem Gedicht über die Kindheit verarbeitet hat. Bei solchen mit allen Wassern gewaschenen Dichtern weiß man nie.

Heine: Mein Kind, wir waren Kinder ...

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Erinnerungen an ein schlaues Kind

Treffsicher schildert Arno Holz den überragenden Wissensstand eines Fünfjährigen, der immerhin schlau genug ist, seinen besten Trick für sich zu behalten.

Arno Holz · 1863-1929

Mit fünf Jahren ...

Mit
fünf Jahren
war ich mir über alles
klar.

In China
wurde französisch gesprochen,
in Afrika
gab es einen Vogel, der Känguru hieß,
und die Jungfrau Maria war katholisch und hatte ein himmelblaues Kleid an.

Sie war aus Wachs und dem lieben Gott seine Mutter.

Wenn ich groß war,
wollte ich Schiller und Goethe werden
und in Berlin
hinterm Schloss wohnen.

Wenn ich Kinder kriegte,
wollte ich sie alle ... anstreichen lassen.

Das kostete nicht soviel,
und sie zerrissen sich nicht die Hosen.

Beim Buchbinder Pollakowski
hing ein großer, bunter, sonnenvergilbter
Bilderbogen
mit einem weißen Schimmel, der auf seinen Hinterbeinen stand.

Der dicke Türke mit dem blanken Säbel drauf
hieß Ali Pascha.

Wenn ich mal einen Groschen hatte,
wollte ich mir den
kaufen.

Am liebsten aber
wollte ich doch ... die Nilquellen entdecken.

Ich wusste genau,
wie man das machte.

Wo er rausfloss,
setzte man sich einfach in ein Boot
und fuhr dann immerzu weiter, bis wo alles aufhört.

Da war man denn da.

Dort gab es Affen,
die sich mit Apfelsinen und Kokusnüssen beschmissen,
Goldstreusand
und Traubrosinenbäume mit Knackmandeln dran.

Und damit ich nicht so lange verhungerte,
wollte ich mir
lauter Gerstenzucker und eine Unmasse Johannisbrot
mitnehmen.

Aber das sagte ich keinem.

Das behielt ich ganz für mich alleine.

Bloß
ich wunderte mich bei mir,
dass die andern alle ... so dumm waren!

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Kommentar:
Ich habe das Gedicht geringfügig an die aktuelle Rechtschreibung angepasst, also z.B. dem „Känguruh“ das „h“ geklaut. Nur die „Kokusnüsse“ sind wie im Original belassen. Man schrieb auch damals schon „Kokosnüsse“. Ich nehme aber an, der Fehler soll das Kindliche des Textes betonen.

 

Sich an die Kindheit erinnern

Es ist gar nicht so leicht, sich an die Kindheit zu erinnern, wie es war ein Kind zu sein. Wer mag, könnte dieses Gedicht zum Anlass nehmen, darüber nachzugrübeln, was es mit dem Ich auf sich hat, wenn so wenig aus dem inneren Erleben in Erinnerung bleibt.

Richard von Schaukal · 1874-1942

Weiß einer noch ...?

Weiß einer noch, wie das ist: klein sein?
Hinaufsehn zu den Großen und mit sich selbst allein sein?
Wenn die Schmetterlinge ganz nah fliegen,
Hummeln dumpfsummend Blumen wiegen;
wenn den Springbrunnenstrahl Wind herträgt,
dass wehend an die Wange Wasser schlägt;
wenn vom Wald her am Abend ein Horn klagt:
weiß wer noch, was einem das alles sagt?

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Ein Kindheitsgedicht von Ringelnatz

Ja, damals hat nur die Sonne geschienen und man war frei und glücklich. Aber dass man selbst Kleinigkeiten etwas abgewonnen hat, ich glaube, das kommt hin.

Ringelnatz: Die sonnige Kinderstraße

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Gedicht über eine sonnige Kindheit

Für die Erinnerung an die Kindheit braucht es keine rosarote Brille, denn die Sonne scheint fast Tag und Nacht in der Kinderzeit, wenn man dem folgenden Gedicht glauben darf.

Richard von Schaukal · 1874-1942

Kindersonne

War denn nicht immer Sonne
in meiner Kinderzeit?
Im Winter glitzernde Wonne,
im Sommer Buntseligkeit.

Morgensonne ans Bette,
Tagessonne im Zimmer dann,
bis in die heimlichste Stätte
die Abendsonne spann.

Sonne in Gassen und Garten,
im Wald, am Fluss, im Feld,
blaufunkelnd auf knirschend harten
Wegspuren in weißer Welt.

Selbst in die nüchterne Stube
zu Tafel und tünchener Wand
Schulsonne dir, glücklicher Bube,
den Weg durchs Fenster fand.

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Sehnsucht in der Kindheit

Lokomotivführer war lange Zeit ein Hit unter den Berufswünschen von Kindern. In diesem Gedicht wollte jemand als Kind eher mitfahren und die Welt sehen.

Ompteda: Das Wärterhaus

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Ein Rilke-Gedicht über die Kindheit

Man kann nicht sagen, dass hier jemand rosaroten Erinnerungen in einem Gedicht über die Kindheit nachsinnt. Aber so ist Rilke nun mal. Das zu Erwartende ist nicht seins: der Titel leicht, die Kindheit schwer.

Rilke: Kindheit

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Noch ein Rilke-Gedicht über die Kindheit

Rilke verarbeitet verschiedene Aspekte des Kindseins in diesem Gedicht: Die Wahrnehmung der Zeit, das passive, aber reichhaltige Erleben von Neuem und schließlich das Entwachsen aus der Kindheit.

Rilke: Kindheit

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Kindheitserinnerung

In diesem Gedicht wird nicht die Kindheit selbst, sondern das Erinnern daran beschrieben.

Geibel: Mittagszauber

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Gedicht über eine Kindheitsmelodie

Eine gesummte Melodie ist in diesem Gedicht der Anlass für Erinnerungen an die Kindheit.

A. K. T. Tielo · 1874-1911

Im Sommergras

Rings Kirschenbäume, blau durchweht,
Von Früchten blank. Und blond und blass
Ein kleiner Bube drunter geht
Durch weiches Sommergras.

Er geht und pflückt in frohem Tritt,
als wär ihm jede Gnade feil;
Und weiße Enten wackeln mit
Und finden auch ihr Teil.

Der Kleine geht und pflückt und summt,
Sein Reim umrinnt mich süßvertraut;
Der letzte Flüsterhalm verstummt
Bei diesem Märchenlaut ...

Und lauschend weiß ich: irgendwo
Summt ich den Reim, und blond und blass
Ging ich mit nackten Füßen so
Durchs grüne Sommergras.

Und meine Seele summt den Ton,
Der Himmel summt ihn warm und weit:
Es träumt in diesem einen Ton
All meine Kinderzeit ...

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Nachricht aus Kindheit

Und hier der Bericht eines erfolgreichen Archäologen, der ein Dokument aus der Kindheit ausgegraben hat.

Bierbaum: Alter Glückszettel

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Sehnsucht nach der Kindheit

Dichter sind dafür da, in Gedichten Dinge auszusprechen, die man sich kaum zuzugeben traut, wie z.B. die Sehnsucht nach der kindlichen Einfachheit, wenn man sich mal wieder stundenlang durch einen erwachsenen Ego-Dschungel gekämpft hat.

Rolf Wolfgang Martens · 1868-1928

In ein dunkles Zimmer ...

In ein dunkles Zimmer! Und still, ganz still!

Meine armen Nerven
hat ein Raubtier zerbissen.

Noch zucken sie. Noch blutet alles.

Wieder Kind sein!

Auf Mutters Schoß sitzen und sich ausweinen können!

Wie damals!

Und dann einschlafen.

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Sehnsucht nach der Kindheit II

Heftiges Heimweh nach der Kindheit packt das lyrische Ich in diesem Gedicht. Interessant ist hier die Wirkung der verkürzten letzten Zeile einer jeden Strophe.

Groth: Heimweh

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Kindheit und Altersweisheit

Gleich zwei Kindheiten enthält das Gedicht von Gottfried Keller, die eigene und eine erdachte. Spinnerei, könnte man sagen.

Keller: Friede der Kreatur

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Ein Gedicht über eine schwierige Kindheit

Wiederholung ist bekanntlich die Mutter des Lernens, aber was macht ein Kind, wenn die Mutter gegen Wiederholungen ist? Dieses schwierige Kindheitsproblem wird im folgenden Gedicht dargestellt.

Hans Retep · geb. 1956

Lieblingsplatte

Die Geschichten vom Räuber Hotzenplotz,
das war meine Lieblingsplatte,
die als Kind ich nie satt hatte.

Eines Tages meine Mutter sprach:
Hör mich an, mein lieber Sohn,
Spielst du einmal noch die Platte,
spring ich sofort vom Balkon.

Und die Nadel schwebte nah der Plattenrille,
und ich weiß noch, dass ich Papa traurig fragte:
Was bedeutet „in aller Stille“?

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Ein Ausflug in die Kindheit

Das Haus seiner Kindheit besucht das lyrische Ich in diesem Gedicht, doch neben Erinnerungen kommt auch ein unheimliches Gefühl hervor.

Franz Werfel · 1890-1945

Im Haus der Kindheit

Ich trete in den Flur
Scheu von der Straße ein.
Wie waldige Natur
Umfängt mich Finstersein.
Ein wenig bangt mir,
Als sei es fast verrucht,
Dass man im Kind-Quartier
Sich mit sich selbst besucht.

Einst war so groß das Haus,
So turmhaft hoch gebaut.
Jetzt fülle ich es aus.
Mein Schritt tappt viel zu laut.
Mit mattem Scheibenblick
Das Licht noch immer krankt,
Wo sich der Mosaik
Verschlungnes „Salve“ rankt.

Beim Stufensteigen hemmt
Den Schuh geheimer Leim.
So eigen ist mir fremd,
So eigen mir daheim.
Ein Geist nicht anders streicht
Ums ärmliche Gelass,
Weil er von sich vielleicht
Den Nachgeschmack vergaß.

Ich steige steif und scheu
Von Stock zu Stock hinan.
An Türen alt und neu
Führt mich vorbei der Bann.
Hier wohnt der Arzt nicht mehr,
Ich kenn den Klingelknopf.
Auch tickt vom Hof nicht her
Des Goldschmieds Feingeklopf.

Voll fremder Jahreszeit
Und unbekanntem Lärm
Sich Wohn- an Wohnung reiht,
Es riecht nach Milch und Germ.
Mich aber zieht’s empor
Zum hohen Bodenraum,
Den hundertmal beschwor
Ein treugebliebner Traum.

Liegt nicht im morschen Loch,
Verpickt von Staub und Pech,
Die Viertelgeige noch,
Mein Dampferchen aus Blech?
Das alte Kindergut,
Es ruft und lockt mich so.
Wie ist mir denn zu Mut?
Wo bin ich? Bin ich wo?

Noch nie war mir so dumm.
Mich hält ein Schwindel fest.
Und wie von Wind gepresst,
Kehr ich verwunschen um.
In frischer Straßenluft
Renn ich ein gutes Stück.
Das Kind in seiner Gruft
Bleibt steif und scheu zurück.

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Kindheit und Vergänglichkeit

Je nachdem wie weit die Kindheit zurückliegt, ist sie auch ein Erinnern an Menschen, die nicht mehr da sind im doppelten Sinne. Diese Bogen schlägt der Dichter hier in der letzten Strophe.

Vischer: Ist mancher so gegangen ...

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