Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte über Kinder 1

Kinder im Gedicht – das kann auch schief gehen, aber Dichter mit feiner Beobachtungsgabe oder die selbst ein bisschen Kind geblieben sind, können aus dem Thema ein paar schöne Gedichte zaubern. Ältere Gedichte über Kinder finden Sie in Teil 2.

 

Gedicht über schlafende Kinder

Schlafende Kinder zu betrachten, das enthüllt ihre ganze Unschuld, doch auch hinter ihren Stirnen verbirgt sich etwas.

Richard von Schaukal · 1874-1942

Die Kinder

Nun schlafen sie, haben die blonden Köpfe
leicht auf die lieben kleinen Hände gelehnt.
Leise leg ich ihnen die Decken zurecht
und streiche langsam über die reinen Stirnen,
hinter denen sich Wunder verbergen, die mich vergessen haben.

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Kindermund

Kindermund tut bekanntlich Wahrheit kund und manchmal auch viel mehr: Er rettet Leben.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Eine Sternstunde der deutschen Sprache

Man kann schon jetzt sehen,
dieses philippinische Mädchen wird einmal
eine wunderschöne Frau.
Ihr schwarzes Sternenhaar
wird mit ihren Perlenzähnen
um die Wette glitzern,
beim Anblick ihrer seidigen Haut
von der Farbe eines spanischen Milchkaffees
werden sich Männer ihrer Eisenhände schämen.
Doch vor allem
werden ihre Weisheit
und ihr Charme
die Herzen schmelzen lassen wie
den Schneeball in der Hand ihres kleinen Bruders,
als sie im lieblichsten Glöckchendeutsch zu ihm sagt:
„Ich rate dir,
tue es nicht.“

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Kommentar:
Ich schreibe solche Gedichte manchmal ganz gerne: Eine beobachtete Szene wird mit etwas Wortgeklimper angereichert, der Text rhythmisiert, fertig. Was mir bei diesem Text wieder einfällt: Inzwischen erscheint es völlig normal, dass Kinder afrikanischer oder asiatischer Herkunft deutsch reden wie alle anderen Kinder auch. Vor etwa 20 Jahren war das noch anders. Wobei das für Kinder, die wahrscheinlich hier geboren sind, einfacher ist als für ihre Eltern. Jeder, der als Erwachsener einigermaßen Deutsch lernt, hat meine Hochachtung. Ich mag die deutsche Sprache sehr, aber sie als Fremdsprache zu lernen muss eine furchtbare Erfahrung sein.

 

Elternleid

Lied und Leid liegen in diesem Gedicht über Kinder besonders nah beisammen und alles nur, weil die Kinder laufen lernen.

Werfel: Elternlied

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Wehmütiges Gedicht über Kinder

Etwas Wehmut beschleicht das lyrische Ich in diesem Gedicht über seine Kinder beim Gedanken an die unausweichliche Trennung.

Schaukal: Meinen Kindern

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Fußball und Mädchen

Nur ein klitzekleines Detail wird in diesem Gedicht geschildert und doch öffnet es Gedankenströme über die Kindheit, das Erwachsenwerden und Geschlechterrollen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Sommernachmittag

Auf der Wiese
zwischen den Häusern
spielen Kinder
Fußball.
Die Mädchen
haben schmutzige Knie.

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Ein Gedicht über: nicht genug

Dass Kinder manchmal nicht genug von etwas bekommen, kann lästig sein, aber macht die Freizeitgestaltung möglicherweise etwas einfacher, wie das folgende Gedicht über eine Märchenstunde zeigt.

Börries Freiherr von Münchhausen · 1874-1945

Märchen

Glänzende Augen und feurige Bäckchen,
Eins rechts, eins links im Sofaeckchen,
Die kleinen Hände fest geballt.

„Also der Königssohn kam aus dem Wald
Mit der Prinzessin glücklich heraus,
Und nun ist die Geschichte aus!“

Zwei tiefe Seufzer. Die rosa Mäulchen
Schließen sich für ein kurzes Weilchen,
Und dann zwei Stimmen, ganz sentimental:
„Nochmal, bitte, bitte, Papa, nochmal!“

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Liebeserklärung an eine Tochter

Streng genommen ist dies kein Gedicht über ein Kind, sondern über einen Vater. Doch letztlich sagt der Text einiges über die Tochter, in dem er vom Vater spricht.

Max Jungnickel · 1890-1945

Kind

O meine liebe, kleine Tochter,
Was wär’ ich ohne dich? – –
Ein Puppenspieler wär’ ich –
Ohne Lachen.
Ein Geiger wär’ ich –
Ohne eine Melodie.
Ich wär’ ein Wanderer
Und hätte nicht ein Fliederreis am Hut.
Ich wär’ ein Narr
Und wüsste keinen Scherz.
So aber hab’ ich dich! – –
Und alle Straßen werden bunt
Und laufen in die Sterne,
Weil ich dich habe.
Und alle Märchen tuen herbergsfroh sich auf
Und brennen ihre blauen Lichter an,
Damit ich darin wohnen kann.
Und jeder Vogel weiß,
Dass ich dich habe. – – –
O meine liebe, kleine Tochter!

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Gedicht über eine zweite Kindheit

„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben“, heißt es. In diesem Gedicht ist dem Autor eine glückliche Kindheit nicht genug, er hat gleich zweie davon.

Wilhelm Popp · 1870-1938

Neue Jugend

Ach – meine Jugend war schön!

Tiefblaue Lüfte, glänzende Tage,
lärmende Spiele am Bergeshang,
Märchen am Abend, Kindergesänge –
noch in die Träume scholl mir ihr Klang.

Ach – meine Jugend war schön!

Aber nun sah ich sie wieder erstehn:
Trabt mir ein Pärlein mit braunkrausen Härlein
lustig und lachend im Zimmer herum,
hascht nach der Sonne mit hastigen Händen,
nimmermehr sind die Mäulchen stumm.

Alte Lieder singen wir wieder,
Lieder der Kindheit mit seligem Klang,
wenn erst die goldenen Märchen erwachen,
lauscht mein Pärlein halb froh, halb bang.

Ach – meine Jugend war schön!
Aber nun seh ich sie wieder erstehn,
schöner, viel schöner erstehn.

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Von Kindern lernen

Das weiß doch jeder, dass man von Kindern lernen kann. Aber dass sie selbst Zen beherrschen, das hat sich, so glaube ich, noch nicht herumgesprochen. Doch dafür gibt’s ja Gedichte.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Mein Zenmeister

Er trägt einen grünen Anorak,
blaue Jeans und rote Schuhe.
Er starrt ein Haus an
auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Er neigt den Kopf etwas nach links,
dann etwas nach rechts.
Seine Mutter, ein paar Schritte voraus,
wartet.

Ich schaue hinüber zu dem Haus.
Links daneben steht ein Haus,
rechts daneben steht ein Haus,
warum starrt er gerade dieses an?

Ich gehe an seiner Mutter vorbei,
gehe an ihm vorbei,
schaue zu dem Haus,
aber krieg’s nicht raus.

Noch einmal schaue ich zurück,
immer noch starrt er das Haus an,
schleudert geistesabwesend mit den Armen.
Plötzlich hab ich’s:
Das Haus ist ein Haus,
das ist der Grund.

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Ein Gedicht von Rilke über Kinder

Eher träumerisch kommt Rilkes Gedicht über Kinder daher, und dennoch fußt es in der Realität des Kindlichen.

Rilke: Du musst das Leben nicht verstehen

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Kommentar:
Diesen Dreireim, den Rilke in beiden Strophen auffährt, benutzte er ziemlich häufig in fünf- oder sechszeiligen Strophen. Wesentlich gängiger ist beim Sechszeiler der Schweifreim, wie er z.B. im Abendlied von Matthias Claudius verwendet wurde (Der Mond ist aufgegangen ...).

 

Noch ein Gedicht über Kinder von Rilke

Dieses sehr bekannte Rilke-Gedicht über Kinder ist eine Studie über Dinge und Selbstvergessenheit: Kinder haben im Gegensatz zu Erwachsenen Zeit.

Rilke: Das Karussel

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Ringelnatz über Kinder

Ringelnatz über Kinder? Das muss lustig sein, mag mancher denken. Aber nein, Ringelnatz konnte auch anders, und man beachte die schräge Reimstruktur. Da ist ein Künstler am Werk, obwohl es doch nur ein Gedicht über Kinder ist.

Ringelnatz: Doch ihre Sterne kannst du nicht verschieben

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Unterwegs mit Kind

Mit Kindern unterwegs zu sein, das ist nicht immer einfach, vor allem wenn sie Flausen im Kopf haben:

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Tour de Haifisch

„Patrick! Lass das!“,
ruft die Frau auf dem Fahrrad.
Doch der Haifisch
auf dem Kindersitz
schnappt mit den Zähnen
unbarmherzig
nach ihrem Po.

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Gedicht über Kinder von heute

In diesem Gedicht geht es um einen Trend, der sich von Erwachsenen zu Kindern ausgebreitet hat. Man könnte es auch eine Seuche nennen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Das Gebet

Die Schule ist aus.
Drei Mädchen
sitzen in der Straßenbahn.
Kein Gebabbel,
kein Geschrei.
Vornübergebeugt
beten sie in stiller Andacht
ihre Smartphones an.

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Kommentar Hans-Peter Kraus:
Mir wird das langsam unheimlich. Egal wohin man guckt, in der Straßenbahn, zu Fuß unterwegs, im Auto(!), immer hat irgendwer sein Smartphone gezückt. Das mag eine sedierende Wirkung auf sonst quicklebendigen Schüler haben, aber gibt’s überhaupt nichts mehr zu sehen außerhalb dieses Minibidschirms?