Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Witzige Gedichte 1

Was ist der Unterschied zwischen lustigen und witzigen Gedichten? Unter die witzigen habe ich jene Gedichte einsortiert, die entweder auf eine Pointe fokussiert sind oder deren Pointe besonders herausragend ist.

 

Gut getarntes Gedicht

Bei diesem Gedicht trifft einen der Witz ziemlich unvermittelt. Bis zur vorletzten Zeile scheint es eher ein Frühlingsgedicht zu sein.

Endrikat: Morgenandacht

Dieses Gedicht im TextformatGedicht in Anthologie

 

Hauptsache die Pointe wird nicht vergessen

Und um ganz sicher zu gehen, hat dieses Gedicht gleich eine Doppel-Pointe zum Thema „Was alles nicht da ist“.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Vergesslich

Ich lehne an die Mauer die Leiter
und steige hinauf.
Oben angekommen,
bemerke ich meinen Irrtum.
Die Mauer ist
längst abgerissen.
Ich steige die Leiter hinab,
ich schiebe die Leiter zusammen,
ich trage sie über die Wiese
und falle
in den Graben.
Jetzt weiß ich wieder, warum
die Mauer
dort stand.

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Kommentar Hans-Peter Kraus:
Unmittelbarer Anlass für das Gedicht war ein Satz von Karl Krolow, der in der Frankfurter Anthologie (Bd. 1, S. 124) schrieb: „Arp hat, Gedichte schreibend, sozusagen Leitern in die Luft gelegt, immer höher in etwas, das es nicht gibt.“ Und denk ich an Leitern, denk ich an Mauern bzw. Wände. Der Bückling von Carles Cros ist mir ein unvergessliches Gedicht. Etwas von dessen Tonfall habe ich in diesem Gedicht übernommen.

 

Ein witziges Gedicht von Ringelnatz

Man muss schon genau aufpassen beim Lesen dieses Gedichts, sonst entgeht einem die Pointe.

Ringelnatz: Das Mädchen mit dem Muttermal

Dieses Gedicht im Textformat

Kommentar:
Nicht nur bei der Pointe muss man als Leser aufpassen, auch die Bauart des Gedichtes hat ihre Tücken: Das angegebene Reimschema ababccb ist als Lutherstrophe in die Lyrikgeschichte eingegangen, denn Luther verwendete es reichlich für Kirchenlieder. Tatsächlich ist laut einer Erhebung von Horst J. Frank (Handbuch der deutschen Strophenformen) die Lutherstrophe unter den zugeben recht seltenen Siebenzeilern die beliebteste, weil vor allem im 15. und 16. Jahrhundert viel gebraucht. Dieser Herr Ringelnatz war schon ein schlimmer Finger.

 

Ein Schachgedicht

Schach gilt ja allgemein als nobles Spiel. Schachspieler selbst denken jedoch beim Schach in etwas anderen Kategorien, wie das folgende Gedicht zeigt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Freundschaftsspiele

Habe mich mit P. abends zum Schach getroffen.
In der ersten Partie war er noch nicht warm,
machte einen groben Fehler und ich
zerschmetterte ihn.
In der zweiten mit Schwarz
setzte ich konsequent auf Gegenangriff
und schlug solange auf ihn ein,
bis er zusammenbrach.
Die dritte Partie war sehr ruhig. Mit Weiß
erwürgte ich ihn langsam, aber sicher. Am Schluss
zappelte er bei knapper Zeit noch ein bisschen,
doch ich zog die Schlinge unbarmherzig zu.
In der vierten war sein Widerstandsgeist erloschen.
Ein kleiner Schlag hier,
ein kleiner Schlag dort,
ein bisschen Druck
und er fiel um.
Alles in allem:
ein netter Abend.

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Ungläubiger Witz

Kurz und knackig hingegen steuert dieses witzige Gedichte auf seine Pointe zu.

Endrikat: Bauernweisheit

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Jägerwitz

Jäger töten Tiere bekanntlich zu ihrem eigenem Besten, damit sie sich nicht zu sehr vermehren und verhungern. Das scheint das eine oder andere Tier noch nicht ganz verstanden zu haben.

Samuel Pereira · geb. 1996

Mein Fuß

Mein Fuß
rechter Hand hat drei Zehen.
Schwimmbäder
besuch ich nicht mehr.
Die Gesellschaft
hat keinen Platz für drei Zehen.
Im Walde
bei der Jagd geschah es:
Zwei Wölfe
und nur ein Gewehr.
Ohne Vorwarnung
schoss der eine mir in den Fuß.

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Western witzig

Was ist witzig an Western, die doch nur die gute, alte amerikanische Tradition von Schießen und Erschossenwerden hoch halten? Ganz einfach: ein Accessoire.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Spätwestern

Schießt erst,
presste der Anführer der Siedler
zwischen den Lippen hervor,
wenn ihr,
er stöhnte auf,
das Weiße in ihren Augen seht,
und starb.
Die Indianer griffen an.
Kein Schuss fiel.
Widerstandslos
ließen sich die Siedler abmetzeln.
Warum
hatten sich die Bleichgesichter nicht gewehrt?
Die Indianer
nahmen ihre verspiegelten Sonnenbrillen ab
und grübelten.

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Gedichtecho

Ein Echo aus vergangenen Tagen ist dieses Gedicht, das seine Inspiration durch Jakob van Hoddis Weltende nicht verleugnet.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Noch ein Weltende

Die Amsel reißt den Schnabel auf,
doch kommt kein einziger Ton heraus.

Die Ampel schaltet um auf Rot,
kein Auto bremst, die Fahrer tot.

Das Fernsehen fällt heut leider aus,
der Pfarrer tut den letzten Schnauf.

Die Welt, ein Paradies so still,
ganz klar, das war des Herrgotts Will’.

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Ein witziges Gedicht von Rilke

Nein, das ist kein Witz. Rilke, der des Humors eigentlich gänzlich unverdächtig ist, hat tatsächlich mal ein Gedicht geschrieben, das eine schöne Pointe hatte. Auch formal ist das Sonett in knittelartige Verse gekleidet, was ziemlich unüblich ist. Also ist das kein Fehler, sondern wirklich ein Witz von Rilke.

Rilke: Der König

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Gedicht mit goldener Pointe

Inspiriert von der König Midas-Sage begibt sich dieses witzige Gedicht an einen Ort, der nicht oft in Gedichten thematisiert wird.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Der König auf dem Klo

War er nicht ein wahres Glückskind?
Was er anfasste, ward zu Gold.
Und doch:
Misstrauisch beäugte der König
die Rolle Klopapier.

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Hass ist witzig

Es gibt zweifellos Probleme auf dieser Welt, die sich manch einer nicht in seinen kühnsten Träumen vorstellen könnte. Und solcher Art Probleme sind mitten unter uns. Kein Wunder, dass da Hassgefühle aufkommen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Wie der Hass in die Welt kommt

Ich bin kein
Ich bin wirklich kein

Sau-ber-keits-fa-na-ti-ker,

aberrrrrrr
was ich hasse
was ich wirklich
aus tiefstem Herzen
mit allen Fasern meines Fleisches
hasse,

dassind

Krüüüüüüüüümel
auf dem Teppich,
die ich sehe
nachdem
geraaaaade nachdem
ich den Sauger abgestellt habe.

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Ein Gedicht über einen Konsumrausch

Feuer und Flamme ist in diesem Gedicht jemand ob seiner Neuanschaffungen. Die Pointe spielt jedoch nicht mit dem Wasser.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Feuer und Flamme

Ich hab heut voll zugeschlagen.
Die im Laden haben vielleicht Augen gemacht.
Zwei Verkäufer
mussten mir die Sachen zum Wagen rausschleppen.
Guck dir das an:
’ne neue Stereoanlage, ’n neuer Fernseher und
’n neuer PC, nur vom Feinsten.
Na, was sagst du?

Morgen brennt’s.

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Gedicht über einen Notfall am Abend

Da sitzt man gemütlich am Abend in der Stube und plötzlich hört man Schreie von draußen. Man stürzt ans Fenster, sieht nichts, die Schreie gehen weiter. Was tun? Der folgende Text liefert dazu eine Antwort, aber auch – wie es sich für ein witziges Gedicht gehört – eine Pointe.

Gerhard P. Steil · geb. 1952

Panik in der Straße

Laute Schreie in der Straße
hallten schrill in einem fort,
mancher dachte schlimme Dinge,
andre glaubten schon an Mord.

Große Furcht und böses Ahnen
drang durch meterdicke Türen,
und im allerkleinsten Winkel
war die Sorge noch zu spüren.

Ich begriff den Ernst der Lage
und versuchte mich als Held,
als ich Feuerwehr und Notarzt
in den kleinen Ort bestellt.

Doch das Leben ist im Grunde
nichts als blanke Ironie,
und das Ende der Geschichte,
liebe Leute, glaubt ihr nie.

Denn man hörte in der Straße
all die schlimmen Töne hallen,
weil das Handy einer Dame
in den Hundemist gefallen.

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Ein Gedicht über Musik

Vergleicht man Lyrik und Musik, muss man zugeben, dass die Musik die intensiveren körperlichen Wirkungen erzeugt – zu einem Gedicht kann man nicht unbedingt tanzen. Dennoch sollte man nicht alles glauben, was man glaubt, dass es einem die Musik verspricht.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Musik, die direkt ins Blut geht

Ich höre Musik.
Ich höre gern Musik.
Am liebsten höre ich Musik,
die direkt ins Blut geht,
die einen aufputscht,
die einem die Kraft gibt,
alle Hindernisse zu überwinden,
sogar durch Wände zu stürmen.

_ – _ – _ – _ – _ – _ – _ – _ –||

Hat jemand ein Taschentuch?
Meine Nase blutet.

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Klassische Pointe

Um diese Pointe zu verstehen, muss man schon ein, zwei Gedichte gelesen haben, am besten von Goethe, sonst hat man nichts zu lachen.

Endrikat: Lied vom alten Ofen

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Gedicht über eine Plage

Die sieben oder zehn Plagen aus der Bibel sind dem einen oder anderen ja noch bekannt, aber in der heutigen Zeit reicht eine einzige, um einen Zusammenbruch zu erwirken:

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Zusammenbruch

Der Zusammenbruch kam plötzlich.
Gerade noch gemütlich im Sessel lesend,
erwischte ihn
das Schicksal.
Er ließ das Buch fallen,
schlug die Hände vors Gesicht,
schrie: „Ich halt das nicht mehr aus!“
Ein gewaltiger Schluchzer erschütterte ihn,
kraftlos rutschte er zu Boden.
Tränenströme brachen aus ihm hervor.
„Nein! Nein! Nein!
Hat dieser Wahnsinn
denn niemals
ein Ende?“
Dann kamen die Nachrichten
und niemand erinnerte sich mehr,
dass ein Sprecher im Radio soeben
„für mehr Käsespaß“ geworben hatte.

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