Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Groteske Gedichte 2

Das Groteske in Gedichten ist eigentlicher eher ein Wesenszug moderner Lyrik. Da die Moderne aber groteskerweise schon 150 Jahre alt ist, stammt ein Großteil der Gedichte hier aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mehr zum Begriff der Groteske hat Seite 1.

 

Gedicht über eine Nase

Es gibt Nasen und Nasen, kleine und große. Diese Nase passt groteskerweise nicht mal in eine Vase.

Haug: Optischer Betrug

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Kommentar:
Dieses Gedicht stammt aus Friedrich Haugs grotesker Sammlung Hyperbeln auf Wahls große Nase.

 

Expressionistische Groteske

Die Expressionisten haben das Groteske in ihren Gedicht oft genug zur Geltung gebracht. Hier ein wenig bekanntes expressionistisches Gedicht:

Christian Wagner · 1835-1918

Groteske

Ein Ballon bewegt sich leise.
Menschenhälse strecken sich.
Tramways stürzen aus dem Gleise.
Droschkengäule töten sich.

Auf den Dächern tanzen Greise.
Jungfraun platzen männertoll.
Ein Ballon bewegt sich leise,
Lächelnd und sehr würdevoll.

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Kommentar:
Mehr expressionistische Grotesken hat die Seite der Gedichte des Expressionismus, und auch bei den vergessenen Expressionisten findet sich Groteskes.

 

Groteskes Liebeselend

Dieses Gedicht ist eine Parodie auf ein Max Dauthendeys-Kurzgedicht und eine eigentlich eine stete Mahnung, das eigene Liebeselend nicht zu ernst zu nehmen.

Gumppenberg: Taschenspieleraugen

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Belebte Objekte

Eines der Themen der Groteske ist das belebte Objekt, das sich oft genug als tückisch erweist. Hier jedoch wendet sich die Tücke der Gestaltung des Objekts gegen das Objekt selbst.

Kyber: Porzellan

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Grotesker Streit

Streiten hat immer auch etwas Groteskes, vor allem wenn Leute an Positionen festhalten, die unbegreiflich sind. Groteskerweise hat dies überhaupt nichts mit dem folgenden Gedicht zu tun:

Georg Stolzenberg · 1857-1941

Mein alter Widersacher ...

Mein alter Widersacher!

Einmal kam er aus einem Torweg
als riesiger weißer Hengst
und riss mich zu Boden.

Aber sein Huf traf mich nicht.

Wütend schäumte er ins Gebiss
und donnerte davon.

Ich schrie ihm nach:
Noch schützt mich auf dem schäbigen Rock
mein unsichtbarer Sonnenorden!

Das ist lange, lange her.

Jetzt sitzt er auf meiner Hand,
eine magere Winterfliege.

Ich blicke trübsinnig auf sie nieder.

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