Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Groteske Gedichte

Was ist grotesk? Was ist eine Groteske? Ursprünglich stammt der Begriff aus Italien. Dort fand man Ende des 15. Jahrhunderts antike Ornamente, die Menschliches, Tierisches und Pflanzliches kombinierten [vgl. Wolfgang Kayser (1960): Das Groteske in Malerei und Dichtung, Hamburg: Rowohlt, S. 14]. Der Begriff wanderte durch Europa und bekam eine übertragene Bedeutung. Im Französischen des 17. Jahrhunderts bedeutete „grottesque“ etwa lächerlich, extravagant oder bizarr [vgl. Kayser 1960: 19]. Nach Wieland waren Grotesken reine Phantasien, „Hirngeburten“, die „bloß Gelächter, Ekel und Erstaunen“ hervorrufen sollten [zit. n. Kayser 1960: 23]. Die Welt wurde verfremdet, das Lachen darüber war jedoch kein befreiendes, sondern eins der Irritation. Die Groteske belehrte nicht, stiftete keinen Sinn, sie war zugleich die gewohnte Welt und eine fremde [vgl. Kayser 1960: 27f]. Mit der Zeit ging dieser ursprünglichen Bedeutung des Grotesken das Unheimliche verloren. Bei Friedrich Theodor Vischer war grotesk nur noch „das Komische in der Form des Wunderbaren“ [zit. n. Kayser 1960: 81], also phantastisch und komisch oder burlesk. Und bei Thomas Mann kam die Groteske schließlich in der Wirklichkeit an: „Das Groteske ist das Überwahre, das überaus Wirkliche, nicht das Willkürliche, Falsche, Widerwirkliche und Absurde“ [zit. n. Kayser 1960: 115]. Auf dieser Seite möchte ich vor allem Gedichte präsentieren, die sich eher an der ursprünglichen Definition des Grotesken orientieren in Abgrenzung zu den skurrilen Gedichten, für die es schon eine Seite gibt.

 

Groteske mit Beinen

Es geht in diesem grotesken Gedicht wahrlich nicht mit rechten Dingen zu, kann es auch gar nicht zugehen, weil es Probleme mit den Beinen gibt.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Das Beinlied

Der Wind hat mein Bein
Der Wind hat mein Bein
Der Wind hat mein Bein auf den Baum geweht.

Die Kinder, die lachen
Die Kinder, die lachen
Die Kinder, die lachen über mein Missgeschick.

Wie hol ich das Bein
Wie hol ich das Bein
Wie hol ich das Bein von dem Baum herab?

Die Kinder, die schrein
Die Kinder, die schrein
Die Kinder, die schrein: mit dem Lassotrick!

Das Lasso, das schwingt
Das Lasso, das schwingt
Das Lasso, das schwingt sich hinauf in die Höh’,

Und holt mir mein Bein
Und holt mir mein Bein
Und holt mir mein Bein vom Baum zurück.

Oh Wunder, oh Graus
Oh Wunder, oh Graus
Oh Wunder, oh Graus: in der Schlinge sind zwei!

Die Kinder, die lachen
Die Kinder, die lachen
Die Kinder, die lachen über mein Missgeschick.

Doch ich lauf so schnell
Doch ich lauf so schnell
Doch ich lauf so schnell wie kein Mensch auf der Welt.

Denn ich lauf auf drei
Denn ich lauf auf drei
Denn ich lauf aus drei Beinen durchs Feld.

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Eine groteske Wüste oder eine wüste Groteske

In der Wüste scheint es Wesen zu geben, die mit grotesk noch freundlich umschrieben sind, wenn man ihre Essgewohnheiten betrachtet.

Stephen Crane · 1871-1900

In der Wüste ...

In der Wüste
Sah ich ein Geschöpf, nackt, tierhaft,
Das, auf dem Boden hockend,
Sein Herz in den Händen hielt
Und davon aß.
Ich sagte: „Ist es gut, Freund?“
„Es ist bitter – bitter“, war seine Antwort;
„Doch ich mag es,
Denn es ist bitter,
Und es ist mein Herz.“

Übertragen aus dem Englischen von Hans-Peter Kraus

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Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:
Das Gedicht schien kein großes Nachdenken beim Übertragen zu fordern, aber am Schluss gab es doch wieder Probleme. Zum Vergleich das Original:


Das kleinere Problem war das Geschlecht des Wesens. Ich konnte nicht wie im Englischen üblich auf das männliche Geschlecht wechseln. Das gleiche Pronomen für das Herz und das Geschöpf schaffte aber Verbindungen, die im Original vermieden sind, deshalb meine Abkehr vom Wortwörtlichen in der viertletzten Zeile. Schwieriger war die Entscheidung bei den letzten beiden. Wörtlich wäre „weil es bitter ist, und weil es mein Herz ist" herausgekommen. Das ist aber klanglich nicht akzeptabel. Möglich wäre gewesen auf das erste „ist“ zu verzichten, aber dann verschöbe sich das Gewicht des Verses von „mein Herz“ weg zu diesem letzten „ist“. Deshalb das Ausweichen auf „denn“, was eine Satzstruktur wie im Englischen und die Betonung von „mein“ ermöglicht, aber eine Wiederholung kostet (because). Also doch alles wie gehabt, 1:1 ist es nie und irgendwas geht flöten bei einer Übertragung.

 

Wenn Fliegen fliegen

Wenn Fliegen fliegen, dann sieht man sie kaum im Gegensatz zur Fliege dieses Gedichts, die ein bisschen größer ausgefallen ist, man könnte sogar sagen: grotesk groß.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Die Entscheidung der Fliege

Der Schatten einer Fliege
verdunkelte das Haus.
Die Bewohner beteten:
Bitte, lieber Gott,
lass sie ein anderes Haus nehmen.
Sie hatten Glück.
Die Fliege entdeckte etwas Besseres:
Ein frischer Haufen Pferdescheiße
lag auf dem nahen Feldweg.
Nach diesem Erlebnis
verlor die Bürgerinitiative gegen
die Erweiterung des Reiterhofs
schnell an Schwung.

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Groteske im Schneckentempo

Es gibt kaum harmlosere Tierchen als Schnecken. Ihr Killerinstinkt leidet unter ihrem schleppenden Tempo, bis jetzt:

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Schneckentempo

Als der Jogger an mir vorbeitrabt,
ruf ich ihm noch nach:
Pass auf die Schnecken auf.
Er wendet sich um, lacht
und winkt ab.
Da erwischt ihn die erste am Fuß,
bringt ihn zu Fall
und augenblicklich begräbt die zweite
seinen Kopf unter ihrem Körper.
Ich kann nichts tun.
Es ist Schleimzeit.

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Katze grotesk

Eine Katze, die Goethe zitiert, ist sicher schon grotesk genug, aber ihre Rachephantasie ist auch nicht ohne.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Die Rache der Humpelkatze

Die Humpelkatze kommt
ohne Beute
vom nächtlichen Dienst nach Haus
und Meisen lachen
sie zwitschernd aus.
Ihr dummen Vögel,
denkt grimmig die Katze,
was wisst ihr schon
von der Kunst
der Propellerimplantation!
Wartet nur, balde
nach meiner Operation
werd ich
die Propellerkatze sein
und ihr
vor Angst und Wahnsinn –
schrein!

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Noch mal tierisch grotesk

Wenn Sie nächstes Mal den Hinweis auf „Artgerechte Haltung“ beim Fleischkauf sehen, denken Sie an dieses Gedicht, das die Verwandtschaft zwischen Groteske und Schwarzem Humor zeigt.

Hans Retep · geb. 1956

Artgerechte Haltung

Hühner dürfen Häuser picken,
Schweine suhlen sich im Meer,
Rinder dürfen Bäume fressen,
nun, was will man denn noch mehr?
Auf das Schlachten gar verzichten?
Nein, das wäre mitnichten
eine gute Lösung.
Hals durchschneiden, Blut ablassen,
häuten und zerteilen. Dies
ist das artgerechte Los.
Hier gilt’s Haltung zu bewahren,
würde doch das liebe Vieh
ohne menschliche Ernährung
niemals! – so riesig groß.

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Liebe grotesk

Die Liebe zu einem Hund ist nicht grotesk, das kann jede Hundebesitzerin und jeder Hundebesitzer bestätigen und in diesem Gedicht wird auch nichts Anderes behauptet. Die Umstände sind halt etwas grotesk.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Kurze Philosophie der Liebe

Ein schwarzer Hund hockt im Schnee
und produziert eine Wurst.
Der Imbissbetreiber nebenan wartet
schon ungeduldig, dass der Hund fertig wird.
Dann will er ihn erschießen,
denn Koten ist auf dem Grundstück
verboten und überhaupt
geschäftsschädigend.
Hinterm Imbiss wartet wiederum
der Hundebesitzer darauf,
den Betreiber auf frischer Tat
zu ertappen, um ihn abzustechen.
Über ihnen kreist ein Hubschrauber
mit einer Kamerafrau an Bord,
die Filmrechte für das
„Wurstgemetzel“,
wie der Vorfall benannt werden soll,
sind vom Hundebesitzer exklusiv verkauft.
Damit es auch richtig metzelig wird,
hat der TV-Sender die Terrorgruppe
„Frauen, die mit Hunden reden“ engagiert
und der Polizei fünfzehn Minuten Vorwarnzeit
eingeräumt, so dass sie rechtzeitig
zu spät kommt, die Verfolgungsroute
ist ausgeschildert.
Der Hund weiß jedoch dank Piss-
und Schnüffelfunk Bescheid
und denkt gar nicht daran,
mit der Wurstproduktion aufzuhören.
Schließlich ist der Haufen so hoch,
dass er in den Hubschrauber springen kann,
wo sich die Kamerafrau in ihn verliebt
und die beiden beschließen durchzubrennen.
So ist eben die Liebe:
Da machst nix.

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Eine ganz groteske Familie

Ein groteskes Gedicht über die Vielseitigkeit einer Familie, bei dem besonders die Sitzordnung auf dem Pferd interessant ist;-)

Angelika Pauly · geb. 1950

Mama, Papa, Julian

Mama, Papa, Julian
saßen in der Eisenbahn,
Mama auf der linken Seite,
Papa auf der rechten Seite
und Julian in der Mitte.

Mama, Papa, Julian
kamen dann in Kölle an,
Mama auf der linken Seite,
Papa auf der rechten Seite
und Julian in der Mitte.

Mama, Papa, Julian
kauften dort ’ne Halve Hahn.
Mama aß die linke Seite,
Papa verputzt’ die rechte Seite
und Julian die Mitte.

Mama, Papa, Julian
schafften sich ein Reitpferd an,
Mama kauft’ die linke Seite,
Papa kauft’ die rechte Seite
und Julian die Mitte.

Mama, Papa, Julian
ritten auf dem Pferdchen dann,
Mama auf der linken Seite,
Papa auf der rechten Seite
und Julian in der Mitte.

Mama, Papa, Julian
warf das böse Gäulchen ab.
Mama fiel auf die linke Seite,
Papa auf die rechte Seite
und Julian auf die Mitte.

Mama, Papa, Julian
marschierten gemeinsam zu Fuß fortan.
Mama ging auf der linken Seite,
Papa auf der rechten Seite
und Julian?
      Na wo wohl …
            ganz klar:
                  In der Mitte!

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Kommentar:
Mehr von und über Angelika Pauly hat ihre Website www.angelika-pauly.de.

 

Expressionistische Groteske

Die Expressionisten haben das Groteske in ihren Gedicht oft genug zur Geltung gebracht. Hier ein wenig bekanntes expressionistisches Gedicht:

Christian Wagner · 1835-1918

Groteske

Ein Ballon bewegt sich leise.
Menschenhälse strecken sich.
Tramways stürzen aus dem Gleise.
Droschkengäule töten sich.

Auf den Dächern tanzen Greise.
Jungfraun platzen männertoll.
Ein Ballon bewegt sich leise,
Lächelnd und sehr würdevoll.

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Kommentar:
Mehr expressionistische Grotesken hat die Seite der Gedichte des Expressionismus, und auch bei den vergessenen Expressionisten findet sich Groteskes.

 

Groteske Bildersprache

An den Expressionismus erinnert die groteske Bildersprache des folgenden Gedichts.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Herbstwalzer

Purpurne Zitronen platzen im herbstlichem Walzer,
ein Vogel steht auf verdorrtem Bein.
In grausamen Winden verklingen obszöne Flüche,
ein Biber nagt an Mutters goldenem Schrein.
Bald fallen wieder Totengräberflocken
und jeder Fleischwolf stirbt für sich allein.

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Groteske Parodie

An das bekannte Gedicht Dunkel war’s, der Mond schien helle knüpft der folgende Text in grotesker Manier an, indem er die Wiederauferstehung des quicklebendigen Oxymorons feiert.

Kim Förder · geb. 1963

Frohlockender Suizid im vergangenen Jetzt

Helle war’s, die Sonn’ schien dunkel,
blitzend blau der grüne Grund,
als in gräulich, stumpf’ Gefunkel,
er im roten Rasen stund ...

Bei ihm lag ’ne winz’ge Riesin
aufrecht, von grazilem Wuchs,
und zudem ’ne welsche Friesin,
und ein gritzegrüner Fuchs.

Alle lachten sie zusammen,
einzeln und vor Trauer schwer,
bei den eisig kalten Flammen,
dort am tiefen, seichten Meer.

Auch zwei Fische hüpften fröhlich,
schmerzgebeutelt und erstarrt,
und ihr Haar durchnässt und ölig,
hat vor Schmiere laut geknarrt.

Eine blühend junge Maid,
ganz verbraucht durch langes Leben,
ruhte freudig voller Leid,
tanzend unter trock’nem Regen.

So verging ganz rasch die Zeit,
und die Stunden war’n wie Jahre,
enge Pfade gähnten breit
und verschlangen Tupperware,

die ganz biegsam dann zersplittert,
bis nur ganze Krüge bleiben.
Alle harren süß verbittert,
um sich munter zu entleiben ...

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Weihnachtsgroteske im Januar

Dass im Januar junge, unschuldige Weihnachtsbäume auf der kalten Straße ausgesetzt werden, scheint auf die groteske Phantasie in diesem Gedicht sehr anregend gewirkt zu haben.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Bilanz der ersten Januarwoche

Wir sind ein Vorbild
für die ganze Stadt!
Das Christkind
wäre stolz auf uns!
In unserer Straße
liegt nur ein einziger
Weihnachtsbaum.
Die Familie
haben wir bereits ausgeliefert.
Und dennoch:
Wenn die Todesurteile vollstreckt werden,
wird das Geschrei wieder groß sein.
Sie hätten es ja nicht bös gemeint.
Ha!
Diese Wurzelraubmörder!
Diese Lichterkettenvergewaltiger!
Nicht bös gemeint?
Wie tröstlich!

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Belebte Objekte

Eines der Themen der Groteske ist das belebte Objekt, das sich oft genug als tückisch erweist. Hier jedoch wendet sich die Tücke der Gestaltung des Objekts gegen das Objekt selbst.

Kyber: Porzellan

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Grotesker Streit

Streiten hat immer auch etwas Groteskes, vor allem wenn Leute an Positionen festhalten, die unbegreiflich sind. Groteskerweise hat dies überhaupt nichts mit dem folgenden Gedicht zu tun:

Georg Stolzenberg · 1857-1941

Mein alter Widersacher ...

Mein alter Widersacher!

Einmal kam er aus einem Torweg
als riesiger weißer Hengst
und riss mich zu Boden.

Aber sein Huf traf mich nicht.

Wütend schäumte er ins Gebiss
und donnerte davon.

Ich schrie ihm nach:
Noch schützt mich auf dem schäbigen Rock
mein unsichtbarer Sonnenorden!

Das ist lange, lange her.

Jetzt sitzt er auf meiner Hand,
eine magere Winterfliege.

Ich blicke trübsinnig auf sie nieder.

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Die Monster kommen!

Dieses groteske Gedicht beantwortet die Frage, woher eigentlich die kleinen Monster kommen. Die Geschichte mit den Bienchen und den Blümchen hilft da nicht weiter.

Samson Cvetkovic · geb. 1985

Monstershow

Sie rücken mir auf die Pelle!
Ich weiß es!

Kleine,
haarige Monster
mit Zähnen wie Reißklingen
und Nägeln wie Speerspitzen.
Groteske Masken
aus einer anderen Dimension,
die dir ins Gesicht lachen
und dir das Blut in den Adern
gefrieren lassen.

Blutrünstige Rieseninsekten
mit sechs,
acht
oder mehr Beinen
und abscheulichen Flügeln aus ekligem Glibber
auf ihrem Rücken.

Schmierige,
kleine Wurmfortsätze,
die sich unter deine Haut bohren
wie Geschwüre
und dir das Fleisch
bei lebendigem Leibe von den Knochen reißen.

Hinterhältige,
bunte Feen
mit Engelsgesichtern
und Sirenenstimmen,
die dich um den Verstand bringen
und dich anschließend
mit Drogen und Alkohol vollpumpen
um seltsame Sachen mit dir anzustellen.

Sie sind alle hier.

Ich weiß es!

Und sie warten nur darauf,
dass ich einen Fehler mache.
Dass ich aus meinem Versteck hervortrete,
damit sie mir allesamt um den Hals fallen
und mich fertigmachen können.

Aber ich werd´s ihnen nicht leichtmachen.
Ich denk nicht dran
aus meinem Versteck rauszukommen.
Oder sie aus ihrem zu lassen.

Denn solang sie da oben
in meinem Schädel bleiben,
können sie mir nicht gefährlich werden.

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Gedächtnis-Groteske

Elefanten sind berühmt dafür ein gutes Gedächtnis zu haben. Dies wird in diesem Gedicht groteskerweise bestätigt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Elefantenschädel

Ein Elefantenschädel rast den Berg hinauf,
stockt,
er hat etwas vergessen,

Der Elefantenschädel rast den Berg hinunter,
stoppt,
was war es nur?

Der Elefantenschädel denkt und denkt und
hat’s:
Er ist schon tot.

Und der Reim von dem Gedicht:
Elefantenschädel vergessen nicht.

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Groteske Spitzen

Spitzmäulig konnte man dieses spitzige Gedicht spitzfindig nennen, dabei spitzt es sich nur zum Schlafe zu.

Lukas Meisner · geb. 1993

(F)Alltag

1
Degen regnen.
Ich pflege die Säge,
die mir im Bauch steckt.

„Pause!“,
schreit aus der Schlafstatt
meine Erschöpfung.

Ich nicke:
ich hebel
die Säbel
hinauf
und hinab.

(Sie staken
in mir.)

2
Gabeln hissen
aus meinem Kissen.

Krokussen gleich, die aus
dem Bette des Schnees
den Wandrer begrüßen,
den Wandrer durch Weh
wie Heimat begrüßen.

3
Verdrieß ich den Nachtmar?
Ich schließe
löfflige Lider,
stups ihm die gablige Nase,
gebe den Klingen der Zähne
ein Küsschen zur Nacht.

4
Ein winziges Lächeln
muss ich bezwingen.
Dann leg ich mich schlafen
hinein in den Hafen
der Klingen.

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Kommentar:
Mehr Texte des Dichters: Zungen des Zweifels.

 

Gedicht über ein groteskes Körperteil

So ein Monsterkinn hat gewisse Auswirkungen auf die Sprache und die Art, wie Leute jemanden wahrnehmen. Der wahrhaft groteske Part kommt jedoch erst zum Schluss.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Mann mit Kinn

Ich habe ein
Kinn.
Ich habe ein
großes
Kinn.
Da kriegen Sie aber nix von ab.
Und au’ nich’
von meinem Kin’nergeld.
Das hab ich mir redlich
verdient.
Die Leute können ja so
gemein sein.

Letztens sagte einer zu mir,
ich wär ein
Harlekin.
Dem hab ich sofort eine
geschallert.
Ich hab kein Haar am Kinn,
noch nich’ ma’ ’ne Warze.
Oder einer fragte, ob ich aus
Kina wär.
Dem hab ich sofort eine
geschallert.
Hab ich etwa ’nen Schlitz im Kinn?
Und einer,
Sie glauben es nicht,
der sagte lustig,
ich wär wohl Kineast.
Dem hab ich sofort eine
geschallert
und wo hingetreten,
wo’s weh tut.
Damit macht man keine Späße.

Die Welt is’ wirklich nich’
sehr kin’erfreundlich.
Aber trotzdem will ich ma’ nich’ so sein.
Ich geb Ihnen einen Tipp:
Pflanzen Sie ’n Stück Kinn ein
und ziehen Sie’s im Kin’ergarten groß.
Dann kriegen Sie auch
Kin’ergeld.
Klasse, nich’?
Jetzt können Sie die Kinnladen wieder hochklappen,
ich mach meine jetz’ auch zu.

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Groteskes Grünzeug

Wenn selbst Obst und Gemüse nicht mehr auf Sitte und Anstand halten, wer dann? Diese Frage wird im folgenden Gedicht nicht beantwortet, deshalb habe ich sie hier gestellt.

Annemarie Bergmeister · geb. 1953

Aus der Kurstadt-Chronik

Es lief da eine Melone,
es sprang da eine Zitrone,
es rollte eine Bohne
hinab die Fußgängerzone;
das Trio grölte Folklore.

Ein Bürger rief die Polizei,
sie kam mit Blaulicht schnell herbei,
verhaftete alle drei:
Sie waren unbekleidet,
das wurde angekreidet.

Die Haft der Damen war minimal,
sie wurden exterritorial;
es half die Freundschaft kolossal:
Sie kannten gut die Tomaten
des hohen Diplomaten

aus Benzopol in Dhaaal.

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Groteske Paprika

Paprika ist ein ulkiges Wort und ulkig ist auch das Aufschneiden einer solchen, wenn man dem folgenden grotesken Gedicht glauben darf, das netterweise erklärt, warum es überhaupt ein Gedicht ist.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Die Befreiung

Ich schwöre,
es war kein
Loch in der Paprika,
als ich sie aufschnitt.
Und doch
fand ich einen winzigen
Maulwurf darin.

Er bewegte sich!

„Wie kommst du hier rein?“,
rief ich unwillkürlich.
„Blöde Frage“,
quiekte der Maulwurf.
„Ich bin hier geboren.“

Ich schüttelte heftig den Kopf.

„Träum ich?
Maulwürfe
werden nicht in Paprikas geboren
und sprechen
können sie schon gar nicht.“

„Klugscheißer“,
höhnte der Maulwurf.
„Wie komm ich dann
in die Paprika,
und wieso
sprichst du mit mir?“

„Ich muss träumen!“,
schrie ich.
„Ich muss träumen!“,
äffte mich der Maulwurf nach.
„Träum weiter!
Aus Träumen
kann man erwachen,
doch du
steckst in einem Gedicht.“
„Waswaswaswas?
Ich steck in einem Gedicht?
Was ist das für ein Blödsinn?“

„Ok,
du glaubst mir nicht“,
sagte gelangweilt der Maulwurf.
„Du bist in einem Traum?
Na dann:
Wach
auf!“

Ich wachte nicht auf.

Noch immer
hielt ich die Paprika
mit dem winzigen Maulwurf
in der Hand.

„Und?
Geht nicht?“,
quiekte der Maulwurf.
„Nein,
geht nicht.“,
gab ich zu.
„Also.
Noch
mal.
Du
und ich,
wir
stecken in einem Gedicht
fest.“
„In einem Gedicht?“
Trotz allem
war ich nicht überzeugt.
„Aber wo sind die Reime?
Und wer
hat je davon gehört, dass
in einem Gedicht
ein Maulwurf
mit einem Menschen spricht?
Das ist Dialog!
Den gibt’s nur in Geschichten.
Oder in Dramen.“

„Viel Ahnung hast du nicht, hm?“,
sagte der Maulwurf geringschätzig.
„Ein Gedicht
ist das Ding mit Pausen.
Die Pausen
erzeugen einen Rhythmus,
den es sonst
nicht geben würde.
Das ist die Form.
Reime
braucht es schon lange nicht mehr.
Auch wenn du gerade einen produziert hast,
hätte ich fast gesagt“,
sagte Maulwurf.
„Doch ich
spreche nicht.
Auch du
sprichst nicht.
Der Dichter
spricht.“

Ich war sprachlos.

„Gut.
Nun gut.“
Ich versuchte mich zu sammeln.

„Und wie
kommt man aus einem Gedicht
hinaus?“

Der Maulwurf schüttelte den Kopf.
„Du weißt aber auch gar nichts.
Wie
bin ich
aus der Paprika gekommen?“
„Ich habe sie aufgeschnitten.“
„Siehst du,
war gar nicht so schwer.
Wir müssen warten,
bis das Gedicht
aufgeschnitten wird.“

Ich sah den Maulwurf an.

Der Maulwurf
sah mich an.

Und wir warteten.

Auf dich!

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