Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Naive Gedichte

Naivität gilt nicht gerade als anzustrebender Charakterzug, aber manchmal kann Naivität entwaffnend oder verblüffend oder anziehend oder einfach komisch wirken. Wenn in einem Dichter ein Kind steckt, dann darf er das in den naiven Gedichten dieser Seite rauslassen.

 

Ein naives Spiel

Ist Mensch ärgere Dich nicht ein naives Spiel? Wohl kaum, dafür ist der Konkurrenzgedanke zu stark, aber dieses Gedicht ist eins.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Mensch ärgere Dich nicht

Meine Nachbarin hat einen neuen Freund.
In jeder freien Minute spielen sie
Mensch ärgere Dich nicht.
Ich hab gefragt!

Das ist das Spiel,
wo man Püppchen
mit kahlem Köpfchen
genau ins Ziel bringen muss.
Was ist so faszinierend daran,
dass man damit den ganzen Tag verbringt?

Außerdem glaube ich,
meine Nachbarin
hat das Spiel nicht richtig verstanden.
Sie stöhnt so laut dabei.

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Naives Liebesgedicht

Liebe soll zwar blind machen, dafür schärft sie anscheinend die anderen Sinnesorgane, z.B. die Einbildung.

Helene Brauer · 1889-1925

Sieh, alle Blumen ...

Sieh, alle Blumen sind höher als ich und du!
Liebster, sei leise,
Sie hören zu.

Lass mich und leg deinen Kopf ganz still in meinen Schoß:
Der neugierige rote Klee
Macht schon die Augen groß.

Und die Feuernelken lachen uns ins Gesicht –
Ich schäme mich so.
Küsse mich nicht!

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Ein naives Gedicht von Ringelnatz

Eine der schönsten Naivitäten dieser Seite ist das folgende Gedicht von Ringelnatz. Um es voll und ganz zu verstehen, wird wohl die Lektüre der Interpretation notwendig sein, die man allerdings nicht naiv lesen sollte.

Ringelnatz: Heimatlose

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Gedicht über ein ganz und gar nicht naives Thema

Dieses Gedicht trägt seine Naivität dick auf, aber darunter lauert etwas, eine Art kritisches Fragezeichen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Über den richtigen Umgang mit Stieben

Dehlen ist kein Kavaliersdelikt!
Wenn Sie einen Stieb beobachten,
rufen Sie sofort die Zolipei.
Auf keinen Fall sollten Sie den Stieb
selbst aufhalten.
Stellen Sie ihm ein Beinchen,
und er bricht sich den Hals,
– Rollstuhl und so –,
dann sind Sie schadenersatzpflichtig.
Dass er ein Stieb war, zählt nicht.
Und die Versicherung zahlt nicht.
Sie hätten nicht gedurft, sagen die.
Nur ein Zolipist darf Stiebe aufhalten,
so mit Bodychecker
oder Knüppel oder erschießen.
Die sind dafür ausgebildet.
Sie würden ja auch nicht
jemandem das Gesicht operieren,
oder das Gesäß,
wenn Sie nicht dafür ausgebildet sind.
Das darf aber ein Zolipist auch nicht,
nur bodycheckern, knüppeln und erschießen.
Dafür gibt’s Regeln, die kennt er,
oder weiß,
wo sie stehen.
Was Sie dürfen:
Laut schreien.
Wenn Sie einen Stieb beobachten,
der einen Stiebdahl begeht –
sagt man doch so: „begeht“, oder? –
also wenn sie eine Stiebdahlbegehung beobachten,
dann dürfen Sie rufen:
„Haltet den Stieb!“
Da kann keiner was sagen
wegen übler Nachrede oder so,
weil auf frischer Tat.
Ist natürlich möglich, dass der Stieb sauer wird
und sogar gewalttätig gegen Sie,
weil ihn das stört, wenn einer ruft:
„Haltet den Stieb!“
Das darf er aber nicht,
also gewalttätig gegen Sie werden,
weil er kein Zolipist ist.
Sie können ihn dann verklagen.
Das Recht ist ganz auf Ihrer Seite,
wenn jemand sie bodycheckert, knüppelt oder erschießt,
der kein Zolipist ist.
Aber besser wäre es schon, direkt die Zolipei zu rufen
und nicht „Haltet den Stieb!“.
Recht haben ist ja schön und gut,
doch wehgetan hat’s trotzdem.
Bleiben Sie also ruhig
und behalten den Stieb im Auge.
Folgen Sie ihm unauffällig,
den Rest erledigt die Zolipei.
Wie gesagt: Die sind dafür ausgebildet,
und Dehlen ist kein Kavaliersdelikt.
Da sind die sehr streng.

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Gott und naiv

Ein in diesen Breiten nicht ganz unbekanntes Phänomen, das vorzugsweise in den Sommerferien zuschlägt, wird in diesem Gedicht göttlich naiv durchleuchtet: Dauerregen.

Blüthgen: Schlechtes Wetter

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Naiv am Morgen

Es sind wohl Einsprengsel wie diese, die verhindert haben, dass dem Schwalbenbuch von Ernst Toller sein ihm gebührender Platz in der deutschen Literatur zugestanden wird. Naiv und große Dichtung, dass passt nicht zusammen in einen Germanistenschädel.

Toller: Schwälbchen, der Morgen, der Morgen ist da ...

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Dichter und Finanzamt

Das Verhältnis zwischen Dichter und Finanzamt erscheint in diesem naiven Gedicht als etwas ganz Spezielles. Es ist von Liebe die Rede, unglaublich, aber wahr!

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Mein Finanzamt liebt mich!

Mein Finanzamt liebt mich!
Ich muss auch dieses Jahr
keine Einkommensteuer zahlen.
Da sage noch einer,
Lyrik lohne nicht.
Ich glaube, ich werde Samstag
die Briefmarkenautomaten an der Hauptpost abklappern,
falls ich jemanden finde,
der mich auf seiner Monatskarte
in die Stadt mitnimmt.
Manchmal
bleiben Marken im Ausgabefach liegen.
Bekomme ich das Porto zusammen,
schicke ich dem Amt ein Dankesschreiben
mit einem Gedicht
über …
die Liebe eines Finanzamtes.
Ich hoffe,
mir fällt was Nettes ein.

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Naive Freude im Gedicht

Worüber man sich alles freuen kann! Genug Naivität vorausgesetzt sogar über das Erscheinen in einem vergessenen Buch von einem vergessenen Schriftsteller.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Das Buch, in dem ich drin bin

Ich bin in einem Buch drin!
In einem richtigen Roman.
Ist das nicht aufregend?
Ich mein,
in die Zeitung
kommt doch heutzutage jeder,
und um ins Fernsehen zu kommen,
braucht man nur den Bescheuertengürtel dritter Klasse,
aber in ein Buch?
Das Buch ist zufällig von meinem Lieblingsautor
(Richard Brautigan)
und es heißt
„Ein konföderierter General aus Big Sur“.
Hier ist die Stelle, an der ich vorkomme:
„In dem anderen Zimmer im ersten Stock
wohnte ein Mann, der morgens immer
Hallo sagte und abends Guten Abend.
Das war nett von ihm.“
Na?
Was sagt ihr jetzt?

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