Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Lautgedichte

Lautgedichte haben bereits eine mehr als hundertjährige Tradition. Anfang des 19. Jahrhunderts lieferten die Romantiker sogenannte Klanggedichte, die noch aus Worten bestanden, jedoch auf Sinnzusammenhänge weitgehend verzichteten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts traten solche Lautgedichte auf, die wirklich nur noch auf Laute setzten. Hier sind Christian Morgenstern und Hugo Ball zu nennen, deren Experimente bleibenden Wert hatten. Ganz extrem wurden Lautgedichte dann von den Dadaisten genutzt, die zum Teil überhaupt keinen Klang mehr ergaben, sondern nur noch Buchstabenfetzen waren. Auf dieser Seite möchte ich Gedichte des in Vergessenheit geratenen Paul Scheerbart und neuere Produktionen vorstellen. Die Herangehensweise der Dichter ist dabei unterschiedlich. Mal sind es nur noch Laute, die über ihren Klang extreme Assoziationsbereitschaft erfordern, sich aber gar nicht mehr in Sinn auflösen lassen, mal wird versucht, eine Geschichte über Laute zu erzählen, die man durch Nachfühlen des Klangs nachvollziehen könnte. Wie auch immer der Ansatz: Lautgedichte sollten laut gelesen werden. Erst dann entfalten sie ihre ganz eigene Wirkung.

 

Eine laute Geschichte

Ein bisschen unfair ist das schon: Der Titel verrät ja alles, und das Ende scheint etwas abrupt und gar nicht laut. Ist das nicht unlauter?

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Die Geschichte der Welt in drei Strophen

ßuhhh
ßuhhhuhhh
tschoppaaaaa lumm
tschoppaaaaa lumm
tschoppa tschoppa lumm lumm
tschoppa tschoppa lumm lumm

ßuhhh
ßuhhhuhhh
btz-ktz btz-ktz btz-ktz
btze-ktze btze-ktze btze-ktze
btze btze ktz ktz btze btze ktz ktz
btz! btz! bzte btze ktz

ßuhhh
ßuhhhuhhh
plck

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Ein außerirdisches Lautgedicht

Kein Zweifel: Sollten wir mal das Vergnügen haben, auf Außerirdische zu stoßen oder sie auf uns, dann dürfte sich ihre Sprache ähnlich sinnhaft anhören wie das folgende Lautgedicht.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Besuch aus dem All

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiip
krrikrakrokra krikrakrokra kru
lemmamemma lemmamemma lemmamemma
krrikrakrokra krikrakrokra kru
lemmamemma lemmamemma lemmamemma
kri kra kro kra kruu
lem ma mem maa
trihk trokauuu trihk
uuuuuuuuuuuuuuuuu

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Ein verrücktes Lautgedicht

Hier gibt der Dichter offen zu, dass der Inhalt des Gedichtes verrückt ist. Da wäre man als Leser auch kaum drauf gekommen.

Scheerbart: Monolog des verrückten Mastodons

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Noch ein Lautgedicht von Paul Scheerbart

Bei diesem Gedicht geht es eindeutig um Kikakokú, was bekanntlich der Ruf des australischen Sumpffliegenfischers ist, eine Vogelart, die bisher noch nicht entdeckt wurde.

Scheerbart: Kikakokú!

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Meereslautleben

Stillleben gibt's eh schon zu viele, da kommt ein Meereslautleben gerade recht. Vom harmlosen Titel des Gedichts sollte man sich nicht täuschen lassen, es wird richtig laut.

Ball: Seepferdchen und Flugfische

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Vom Laut zum Wort

Ein einfaches Beispiel für das Werden und Vergehen eines Wortes liefert dieses Lautgedicht.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Nur ein Wort

g
g
G
G
Gl
Gl
Glc
Glc
Glck
Glck
Glück
Glück
GLÜCK
Glück
Glück
Glck
Glck
Glc
Glc
Gl
Gl
G
G
g

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Zahnarztlaute

Eine Zahnarztpraxis scheint mir der optimale Ort für ein Lautgedicht zu sein. Denn durchdringendere Geräusche als dort gibt’s nur noch auf dem Bau.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Beim Zahnarzt

mölle?
mi A
möllemölle, möllé

Mölle Mölle Mölle
miamiamia?
möllemölle

iiiiiiih
aaah
möllemölle

iiiiiiih
aaah
möllemölle!
m’a m’a

iiiiiiih
aaah
möl-le!
a

iiiiiiih
möllé!
a mi

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Rhythmus wortlos

Rhythmen sind in diesem Lautgedicht klar erkennbar enthalten. Ob einem da noch die Worte fehlen?

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

kliaung pe

kl kl kliaung pe
kl kl kliaung pe
pollo pollo polloro
pollo pollo polloro
ri ra rekkerakku
ri ra rekkerakku

du sun kunu wutu
du sun kunu wutu
wu sun wutu hun
wu sun wutu hun

kliauuuuuung pe
kliauuuuuung pe

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Eine Übersetzung ins Lautliche

Um was geht es bei dem folgenden Lautgedicht? Wer spricht und mit welcher Absicht? Fragen über Fragen, und sogar eine Antwort gibt’s: nach dem Gedicht – natürlich in Frageform.

Hans Retep · geb. 1956

lamár

lamár fe si, eson tomon
lamár fe si, eson shamal
lamár fe si, la gor belom
lamár fe si, mo fam mo sal

fe si lamár, e lor nosha
fe si lamár, on mell sodé
fe si lamár, eson fena
fe si lamár, eson mi lé

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Kommentar Hans Retep:
Ich habe mich bei der Struktur des Gedichtes an Friedrich Rückert orientiert. Die spannende Frage ist: Kommt nur durch die Laute ein Gefühl auf, dass es sich hier um ein Liebesgedicht handeln kann?

 

Lauter Sonne

Hier endlich mal was Einfaches, ein Sonnenuntergang in Lautschrift. „sch“ ist sogar ein international gebräuchliches Wort für „Klappe halten, ich will was sehen“.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Sonnenuntergang

sch loman alom
el segu ifira
oh alom loman
a indu orama

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Ein freundliches Lautgedicht

Auch dieses Lautgedicht lebt vor, wie man aus Klängen einer unbekannten Sprache ein Gefühl hervorruft, das zum Titel passt.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Über einen Freund

Utt Ballamm olmar
genelle Fa,
de Moma gosa
alam eschuk Gomonola.

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Gedicht laut Alphabet

Dieses Gedicht hat alles, was ein Gedicht klassischerweise braucht: ein Reimschema (z.B. erste Strophe: abbaa), ein Metrum (Trochäus) und der Inhalt entspricht dem, was der Titel vorgibt, keine neumodernen Tricks. Und nebenbei lernt man noch was, mehr geht nicht, oder?

Georgi Kratochwil · geb. 1979

alphabet

a
b c d
e f g
h
i j k!

l mno p
q
r s t
u
v w x?
y z?

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