Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Skurrile Gedichte

Auf dieser Seite sollen Welten präsentiert werden, die im Universum ihresgleichen suchen, aber nicht finden. Die Gedichte sind möglicherweise lustig, verdreht sind sie auf jeden Fall. Daher die Sammelbezeichnung als skurrile Gedichte. Wie so viele verrückte Wörter stammt skurril aus dem Lateinischen: scurrilis, was wörtlich übersetzt heißt: Der Schuh passt nicht. Oder irgendetwas anderes.

 

Gedicht-Experiment

Was kommt dabei heraus, wenn man das Buch der Bücher mit einem Nadelbuch kreuzt? Ein skurriles Gedicht, was sonst.

Morgenstern: Die Probe

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Ein skurriles Gedicht von oben bis unten

Das große Thema Wiedergeburt wird in diesem Gedicht be- oder misshandelt, je nachdem ob man Wurm oder Krähe ist.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Von Krähen und Würmern

Der wiedergeborene John Lennon saß
an der viel befahrenen Kreuzung
auf dem Bankgebäude,
auf dem Flaggenmast
auf dem Bankgebäude
an der viel befahrenen Kreuzung
als Krähe.
Er komponierte
„Watching the wheels go round and round“.
Ich schätze,
er wird bitter enttäuscht sein,
wenn er entdeckt,
dass es den Song bereits gibt.
Aber so ist das mit der Wiedergeburt,
man erinnert sich nicht
an sein voriges Leben.
Ich frage mich,
warum er als Krähe zurückkam.
Wahrscheinlich
hatte Yoko Ono ihre Hände im Spiel.
Sie ist ja immer schuld,
kann man schon in der Bibel nachlesen,
die Geschichte mit dem Apfel.
Leider hatte ich keinen dabei.
Ein Stück Apfel
hätte die Krähe abgelenkt von ihrem Lied
und ihr eine Enttäuschung erspart.
Diese Chance auf eine gute Tat
ist verflogen.
Wenn ich Pech habe,
komme ich nun als Regenwurm wieder,
und das alles
wegen einer blöden Apfelgeschichte.
Ab jetzt
gucke ich nur noch zu Boden,
damit ich nicht versehentlich
auf einen Wurm trete.

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Eine skurrile Zeitreise

Dichter gelten manchmal als etwas aus der Zeit gefallen. Arno Holz macht sich dies zu eigen und übertreibt ein klein wenig, aber nur ein bisschen, nur um eine Winzigkeit von sieben Septillionen Jahren.

Holz: Sieben Septillionen Jahre ...

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Kommentar:
Es handelt sich hier um die Version aus der Phantasus-Ausgabe letzter Hand von 1925. Sie weicht inhaltlich und von der Zeilenführung her ein wenig von der im Netz üblichen Version ab, ist aber jene, die der Dichter letztlich so wollte.

 

Filmreif

Dieses skurrile Exemplar eines Ringelnatz-Gedichtes könnte ich mir gut als kurzen Stummfilm vorstellen.

Ringelnatz: Mannheim

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Eine oder zwei oder drei skurrile Geschichten

Man kann dem Gedicht vorwerfen, was man will, aber eins nicht: Dass hier nicht alle Masken fallen.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Das war ein schwarzer Tag

Das war ein schwarzer Tag,
als Handy-Mandy ihr Handy
von der Aussichtsplattform des Eiffelturms fallen ließ.
Kurz entschlossen sprang
sie hinterher, fing es im Flug und
kletterte an den Streben des Turms
wieder hinauf.
Doch als sie ihre Freundin
Cigarette-Babette anrufen wollte,
um ihr zu erzählen, dass ihr Handy
vom Eiffelturm gefallen sei
und sie es Gott sei Dank
noch fangen konnte,
war der Akku leer.
Wutentbrannt
warf Handy-Mandy das Handy
in die Tiefe
und tötete damit einen Flic.
Das war natürlich ein Unglück:
Einkaufen in Paris
konnte sie erstmal vergessen.

Sie sagen, die Geschichte stimmt nicht? Wie wahr. Die Aussichtsplattformen am Eiffelturm sind natürlich mit Schutzgittern gesichert. Die furchtbare Wahrheit ist: Handy-Mandy konvertierte zum Islam, weil sie Kopftücher praktisch findet. Eine Zigarette in der einen, einen Coffee-to-go in der andern Hand kann man immer noch telefonieren, wenn man das Handy zwischen Ohr und Kopftuch klemmt. Die Idee mit der Reise nach Paris, um sich mit einem Smartphone-Gürtel ins Paradies zu sprengen, hat ihr jedoch von Anfang an nicht gefallen. Sie hat die Handys lieber in der Rue Barbette verkauft und sich von dem Geld ein bisschen was gegönnt. Leider kam es bei der Benutzung der Smartphones zu „Zwischenfällen“. Nur deshalb verzichtet sie lieber aufs Einkaufen in Paris.

Diese Geschichte
glauben Sie mir auch nicht, nicht wahr?
Sie haben ja so recht.
In Wahrheit ist Mandy Nelly
und telefoniert jeden Morgen,
wenn ich mit der Straßenbahn zur Arbeit fahre,
mit:
ihrer Freundin Babette.
Die ganze Strecke!
Um halb sieben!
Und die Frau hat Stimme.
Jetzt reimt sich Nelly nicht auf Handy,
deshalb heißt Nelly
in meiner kleinen Geschichte Mandy.
Der Haken ist:
Ich kann gar nicht Straßenbahn fahren,
ich bekäme nicht mal eine Monatskarte,
denn ich existiere nicht in dieser Welt,
ich existiere
nur hier.

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Irrungen und Wirrungen

In diesem skurrilen Gedicht hat jemand wirklich Schwierigkeiten „lechts“ und „rings“ zu unterscheiden. Der Titel ist eine Hommage an ein Ringelnatz-Gedicht.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Das Haus, wo ich zu Gast war

Das Haus, wo ich zu Gast war,
war viel zu groß.
Ich irrte durch die Gänge
auf der Suche nach meinem Zimmer.
Endlich fand ich die richtige Tür,
doch in meinem Bett
lag ein vierbeiniger Glücksteufel,
der stöhnte und mit seiner Körpermitte
ruckelte.
Ich fragte ihn: „Was machst du da?“
Er funkelte mich mit seinen vier Augen an
und zischte:
„Verpiss dich!“
Am anderen Morgen
war er aber wieder froh gelaunt
und sagte, es wäre nicht so gemeint gewesen.
„Wir waren halt überrascht!“
Ich ging auf mein Ersatz-Zimmer,
wo eine gute Fee in der Nacht
mein Köfferchen bereitgestellt hatte,
und zog noch am gleichen Tag in ein Hotel.
Jemand, der von sich im Pluralis Majestatis spricht,
mag ich nicht leiden.

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Waschen für Fortgeschrittene

Eine sehr nützliche Anleitung für das Waschen im Freien bietet das folgende Gedicht skurrilermaßen.

Alexander Stolzenburg · geb. 1982

Reinigung

Zur reinigung am besten nackt im freien stehen
am besten im wald mit nackten füßen stehen
schwierig möglicherweise: auf dem boden im wald

vielleicht auch jeder allein in einem raum
unbekleidet, barfuß, aber erhöht auf einem podest
ohne bodenkontakt, aus erde oder kies oder holz

nass, damit man die kühle fühle bei offenem fenster
die arme gestreckt in eine richtung, die je nach schwere
des schmutzes gewählt werden müsste

sofern man selbst um schwere der reinigungs
notwendigkeit wisse, sonst müsste doch ein experte noch
bekleidet mit knappem ornat, arme und hände

zur reinigenden position hin biegen,
die insignien der expertie schützen ummantelnd dann
die von töpfen entblößten pflanzen.

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Skurriles Gedankenspiel

Wenn man sich darüber Gedanken macht, wo das Hirn eigentlich hingehört unter der Annahme, dass der eigene Kopf nicht der rechte Platz ist, dann kommt eine Skurrilität wie die folgende dabei heraus:

Emily Dickinson · 1830-1886

Wenn jemals der Deckel von meinem Kopf sich hebt ...

Wenn jemals der Deckel von meinem Kopf sich hebt
Und lässt das Hirn hinaus,
Das Gute geht dann, wohin’s gehörte,
ohne einen Wink von mir,

Und die Welt – wenn die Welt noch schaut –
Sieht dann, wie weit von Zuhaus
Es möglich ist, für den Verstand zu leben
Die Seele dort – all die Zeit.

(Aus dem Englischen übertragen von Hans-Peter Kraus)

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Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:
Der Schluss sieht etwas holprig aus, aber ist ziemlich nah am Original: It is possible for sense to live / The soul there — all the time. Ich gehe davon, dass die beiden Verse verbunden gelesen werden müssen, also im Sinne von „der Verstand lebt die Seele“.

 

Kopiergedicht

Eine etwas verdrehte Perspektive auf Kinder und Eltern bietet dieses Gedicht, obwohl: Das Körnchen Wahrheit findet selbst ein Huhn.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Elternliebe

Du bist
die Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie,
und man verwechselt dich
recht schnell.
Und doch
bist du
als Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie
schlecht kopiert,
das
macht dich individuell.
Deshalb:
Liebe die Kopiergeräte!
Ihre Fehler
sind deine Chance.

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Außer Dienst

Ein Mann legt sich selbst Rechenschaft ab über sein Tun und kommt zu einem standesgemäßen Ergebnis.

Matthias Schwincke · geb. 1961

Rechtsausleger A.D.

im beistand
erfüllbarer amtsfederhalter
verfolge ich
strafbar erbrachten
betrug
ich füge
die nichtigkeit
widriger sitte
und regle
den ordnungsgemäßen
vollzug

die wirksame fehlbarkeit
dienstlicher wege
verwalte ich
fahrig
mit lässiger pflicht
ich wahre
gebildete
willensprozesse
und beuge
das rückabgewickelte
recht

mein zweiseitig bindendes
eheversprechen
vollziehe ich
handelnd
in geltender frist
und glaube
bei ernsthaftem
eintritt des todes
ich wurde
zu lebzeiten
niemals

vermisst

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Kommentar:
Mehr Texte von Matthias Schwincke finden Sie in seinem Nordwest-Tunesien-Blog

 

Skurriles Gedicht aus Frankreich

Eigentlich unglaublich, dass dieses Gedicht aus dem 19. Jahrhundert stammen soll. Um mal einen dicken Gelehrten zu zitieren: Die spinnen, die Franzosen.

Charles Cros · 1842-1888

Der Bückling

Es war eine hohe, weiße Wand – nackt, nackt, nackt,
Gelehnt an die Wand eine Leiter – hoch, hoch, hoch,
Und, am Boden, ein Bückling – dürr, dürr, dürr.

Er kommt, hält in seinen Händen – schmutzig, schmutzig, schmutzig,
Einen schweren Hammer, einen großen Nagel – spitz, spitz, spitz,
Ein Fadenknäuel – dick, dick, dick.

Dann steigt er hinauf die Leiter – hoch, hoch, hoch,
Und schlägt den spitzen Nagel – klopf, klopf, klopf,
Ganz oben in die hohe, weiße Wand – nackt, nackt, nackt.

Er lässt den Hammer los – der fällt, der fällt, der fällt,
Befestigt am Nagel den Faden – lang, lang, lang,
Und, an dessen Ende, den Bückling – dürr, dürr, dürr.

Er steigt hinab die Leiter – hoch, hoch, hoch,
Nimmt sie und den Hammer – schwer, schwer, schwer,
Und dann geht er woanders hin – weit, weit, weit.

Und, seitdem hängt der Bückling – dürr, dürr, dürr,
Am Ende des Fadens – lang, lang, lang,
Sehr langsam schaukelnd – immer, immer, immer.

Ich habe diese Geschichte geschrieben – simpel, simpel, simpel,
Um in Rage zu bringen die Leute – ernst, ernst, ernst,
Und zu unterhalten die Kinder – klein, klein, klein.

Übersetzt aus dem Französischen von Hans-Peter Kraus

UrheberrechtshinweisGedicht per E-Mail versendenGedicht in Anthologie

Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:
Das französische Original (siehe französische Wikipedia) ist zuerst erschienen 1873 in Le Coffret de santal von Charles Cros und wurde in André Bretons Anthologie de l’humour noir aufgenommen. Laut Wikipedia basiert es auf einem Prosastück, das der Dichter seinem Sohn, dem er das Gedicht auch gewidmet hat, als Einschlafgeschichte erzählte.

 

Eine wichtige Forderung

Das folgende Gedicht stellt eine wichtige Forderung auf, denn ganz im Ernst, wo wären wir ohne?

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

S-trudl!

S-trudl!
Die Welt braucht mehr
S-trudl!
Wenn die Bäuche voll
und die Köpfe leer,
fällt der Untergang
überhaupt nicht schwer,
überhaupt nicht schwer,
überhaupt nicht S-trudl!
Die Welt braucht mehr
S-trudl!

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Ein wundersames Gedicht

Auch wenn in diesem Gedicht das Wunder ausbleibt, so wundert es doch, dass hier auf skurrile Weise die Erkenntnis Orwells in 1984 vorweg variiert wird, dass es ein Kennzeichen der Freiheit ist, sagen zu dürfen: Zwei und zwei ist vier.

Robert Ress · 1871-1935

Über meinem Leib ...

Über meinem Leib
werden schon die Messer gewetzt.

Von allen Bergen strömen die Menschen.

Ich soll ein Wunder tun.

Und ich kann doch immer nur wiederholen:

Nach Adam Riese
ist einmal Eins
Eins.

Los!

Schneidet meine Haut zu Riemen.

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Skurriles vom Amt

Bureaukratie ist auch immer lustig. In diesem Gedicht muss man den Beamten jedoch eine gewisse Überforderung zugestehen.

Ringelnatz: Ein Taschenkrebs und ein Känguru ...

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Ein haariges Gedicht

Haare sind nicht mehr in und außen sind sie schon gar nicht. Das war mal anders, und wenn Gleichgesinnte sich treffen, kann es funken, wie das folgende skurrile Gedicht zeigt.

Hans G. Gohlisch · geb. 1949

Haargenau

Ein feines Haar
wuchs vor ’nem Jahr
aus meiner Nase.

In dieser Phase
traf ich Frau Mohr.
Aus ihrem Ohr

ragte ein Härchen. –
Seit jener Zeit
sind wir ein Pärchen.

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Eine skurrile Ode

Die Lobpreisung der zahnärztlichen Betäubungsspritze wird hier in skurrile Formulierungen gepackt.

Stefan Kappner · geb. 1968

Ode auf die Lokalanästhesie oder Klopstock geht zum Zahnarzt

nicht die lebensrettenden Arzneien und Geräte
will ich loben
die täglich ihren Zweck erfüllen
segensreich und für die Gemeinten jeweils unentbehrlich
die in undenkbar schmerzgeplagten Zeiten
von mehr als drei Weisen der näheren Hoffnung
den eigenen Lebenszeiten abgeknapst
der Menschheit ach was uns besser noch dir
als Geschenk zu Füßen und zu Schenkeln zum Bauch zur Brust zum Kopf
gelegt süßer als Gold Weihrauch Salbe zur rechten Stunde die jederzeit
anbrechen könnte und dir niemals recht ist
bedient von Besserverdienenden vom Dienst
die dir oftmals noch gescholten dienen uns ach der Menschheit
retten sie für längere Zeiten das nackte Leben
ganz konkret womöglich dir
wie mir über Dritte das Leben geschenkt dreier himmlischer Töchter

hier jedoch geht es um die Spritze vorm Bohren
deren Verdienst kaum steigernder Faktoren bedarf
und aufwiegt iPad PC Ottomotor
mit Leichtigkeit gerade weil bescheiden und begrenzt auf ein jeweils bestimmtes Areal
noch Lifts und Hörgeräte trüge ihre Schale
und sicherlich Kaffeebereiter
fraglich höchstens und nur zu messen mit längerer Elle Orgel und Mischpult
mehr als alles Erwähnte lobe ich jedenfalls die Spritze vorm Bohren

die keimfrei mit dreifach geschliffener Kanüle
von viel geübten Händen geführt
beinahe unbemerkt von dem in die konkave Spiegellampe Blinzelnden
ein ungenannt patenter Ingenieur erfand ein Gleitmittel dafür
ins Fleisch rutscht
kaum spürbar selbst die basische Substanz
sie drängt sich zwischen Zellen unterbricht
den Schaltkreis über den sich der im Grundsatz angesagte Schmerz
von der Verletzung fortpflanzte bis zur Qual
jetzt wird die Lippe taub der Zahn kurz wie von Colarot dann tiefer und entspannter
was jetzt als Schall und Vibration und höchstens noch als Zwicken
der ungeschickten Helferin die halbe Stunde füllt
bleibt ebenso erträglich wie ergebnisfroh

Freud Adler Jung kennt jeder die was ungewusst ins Leben dringen will
abendfüllend bühnentauglich trimmten
doch wer kennt Niemann Fournau Einhorn
die einen umgekehrten Weg beschritten das Monster Injektion
für Injektion zurück in seine Höhle jagten
was uns mir dir erlaubt gefasst zu bleiben
Hemden und Blusen glattzustreichen und zurück
auf das Trottoir zu treten und uns vorerst wieder einzureihen
bis wir wills Gott erst spät
nach Zuflucht suchen unter o g größeren Geräten

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Kommentar:
Stefan Kappner bietet auch einen Biographieservice an.

 

Ein Gedicht über das Übliche

Wenn einem Konzern etwas quer geht, passiert halt das Übliche: Lobbyisten bearbeiten Abgeordnete und das Fernsehen steht Gewehr bei Fuß. In diesem Gedicht wurde im Interesse der Skurrilität nur leicht übertrieben.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Die Kunst, das Kapital und das Fernsehen

Wildgänse haben
hinter der Konzernzentrale
am Wasserbecken mit den edlen Sitzbänken
die blanken Steinplatten
verziert.
Da sie sich keine Federn
ausrupfen mochten
und auch kein Tintenfässchen
zur Verfügung stand
(der Fluch der Digitalisierung der Bürokratie),
haben sie
drauf geschissen.

Der Aufsichtsrat des Konzerns
steht nunmehr vor der Frage, ob
er seine Lakaien anweisen soll,
Wildgänse
von Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz (Kunstfreiheit)
auszunehmen
und ob
Gott oder Darwins Erben
in Regress genommen werden können,
weil Schöpfung oder Evolution
Wildgänse
mit einer Öffnung am Hinterteil ausgestattet haben.

Die Reporter der Fernsehteams,
die auf dem weiträumigen Platz
vor der Konzernzentrale aufgefahren sind,
interviewen sich derweil gegenseitig,
bis der Aufsichtsrat bereit ist,
vor die Kameras zu treten.

Die Wildgänse
haben jede Stellungnahme abgelehnt,
das heißt nicht ganz,
eine hat heimlich
und bisher unentdeckt
auf einen Ü-Wagen geschissen.

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Verrücktes Gedicht

Welche Überdosis von was der Autor vor dem Schreiben dieses Gedichts zu sich genommen hat, vermag ich nicht zu sagen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Wo die Krötenkarre ist

Die Krötenkarre im Bombenkrater lag, der
ganz frisch aus dem Ei
geschlüpft war, das
ein Flieger-Pflüger
in unsrer Straße
gelegt hatte.

Was ist das? Was soll das?
Was ist das? Was soll das?

Das ist
die Krötenkarre, die
im Bombenkrater liegt, der
ganz frisch aus dem Ei
geschlüpft ist, das
ein Flieger-Pflüger
in unsrer Straße
gelegt hat.

Es hätt’ sie doch keiner gefunden,
wenn ich sie nicht
in diesem Gedicht
erwähnt hätte.

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Skurrilität aus der finsteren Vergangenheit

Mit einer Wochenschaustimme aus dem dritten Reich vorgetragen dürfte diese Werbung ihr Ziel nicht verfehlen. Aber machen Sie sich keine Hoffnung: BWS wird nicht mehr verkauft und die Rezeptur nur von Blockwart zu Blockwart weitergegeben.

Hans Retep · geb. 1956

BWS-Reklame 1943

Stählern Haare, Gussgesicht,
deutsche Frau mit Fürsorgpflicht,
dämpfe jede falsche Freude
freundlichst mit der Blockwartsäure!

Tapfres deutsches Vaterland,
BWS ist weltbekannt!
Wenn die Kinder wilde toben,
wirkt sie wie des Führers Odem!

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