Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte über den Tod 1

Der Tod hat viele Namen. Bei den Grimms hieß er Gevatter Tod, im Norden Freund Hain, im Süden Boanlkramer, auch als Sensenmann oder Schnitter ist er bekannt. Wie sich Dichter den personifizierten Tod vorstellen, ist hier das Thema der Gedichte sein.

 

Der Tod als Steuermann

An die griechische Mythologie erinnert dieses Gedicht über den Tod, wobei dort die Rollen getrennt waren: Thanatos beendet ein Leben, der Fährmann Charon sorgte für die Überfahrt zum Hades.

Hans Benzmann · 1869-1926

Stille Fahrt

Ich stand an einem dunklen Meer.
Da kam vom grünen Eiland her
ein stiller Kahn geschwommen.
Mir ward so leicht, mir ward so schwer,
mein Herz ward aller Unrast leer,
der Schmerz ward mir genommen.

Still stieß das Schifflein an den Strand;
sein Lenker winkte mit der Hand,
er lachte wie im Traume
und lud mich ein zum andern Land,
das in der Ferne unbekannt
grün glänzte aus dem Schaume.

Und ich stieg ein. Der stille Mann
zog stumm die schwarzen Ruder an,
wir schwammen aus dem Hafen.
Er sang sein seltsam Liedchen dann
und nickte müde dann und wann,
und ich bin eingeschlafen ...

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Der mächtige Tod und das Ende

Die Stimme des Gedichts ist hingerissen zwischen dem Bild vom allmächtigen Tod und einem, der nur tut, was er tun muss. Der Schluss ist jedoch eindeutig und basiert auf der biblischen Offenbarung des Johannes (21, 4).

Richard von Schaukal · 1874-1942

An den Tod

Du, von dem wir wissen,
wie die Welt dich nennt,
den doch keiner kennt,
ob er hingerissen

dir im Arme ruht;
ob du nur genommen,
was von selbst gekommen,
müd und ohne Mut;

mächtigster Verwalter
höchster Herrlichkeit,
Fürst der Fürstenheit,
tiefster Ton am Psalter;

der du wie ein Blinder
stumm im Finstern schleichst,
deine Beute reichst,
Allesüberwinder;

Er, der dir gebot
am Beginn der Zeiten,
wird auch dich bestreiten,
du wirst sterben, Tod!

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Dem Tod entkommen?

Niemand kann dem Tod entkommen, dennoch kann man einigen Aufschub erwirken, wenn man die Schwachstelle des Todes kennt. Das zeigt das folgende Gedicht über den Tod.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

ein alter Mann joggt ...

ein alter Mann joggt,
außer Puste
hechelt der Tod hinterher

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Ein Gedicht über den Tod von Rilke

Ein sehr eigenartiges Bild konstruiert Rilke in seinem Gedicht vom Tod.

Rilke: Schlussstück

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Gedicht über den sanften Tod

Bei diesem Bild vom Tod nimmt der Dichter Anleihen bei den alten Griechen, die den Tod als Jüngling darstellten.

Rolf Wolfgang Martens · 1868-1928

Kein Gerippe ...

Kein Gerippe!

Der schöne, blasse Jüngling mit den tiefen Augen
küsst mich.

„Komm!“

Sein weicher, weiter Mantel umfängt mich.

Über Gebirge mit spitzigen Schroffen,
über Abgründe mit Ungeheuern,
sanft, sanft – hinüber!

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Kommentar:
Im Original wurde das Gedicht entsprechend der von Arno Holz eingeführten Gestaltung zentriert dargestellt.

 

Der Garten und der Tod

Auf besonders sinnliche Weise schildert Arno Holz in diesem Gedicht einen alten, verfallenen Garten. Was hat das mit dem Tod zu tun? Das muss das Gedicht Ihnen schon selbst verraten.

Arno Holz · 1863-1929

Hinter ...

Hinter
einem alten
windschief krumpeligen, grauen, krustelig flechtenbunten,
nach ... Teer,
ausgeschwitztem Harz und praller, dicker, brütender Sommersonne
duftenden Bretterzaun,
durch
den sich mit dürren,
rissigen, schwarzgrün knorrigen
Ästen,
fettblätterig, zackfiederig,
breittellerig,
mitten
ein Holunderbusch
drängt,
träumt am Weg ... ein Gärtchen.

Auf
Spitzzehen,
kaum dass ich mich mit meinen beiden Händen noch so eben gerade halten kann,
kucke ich ... hinüber.

Feuerlilien, Türkenbund,
tiefblauer,
mannshoher, schlankstolzer
Rittersporn,
Flammenblumen, Federnelken,
Stockrosen,
Löwenmaul, Fuchsschwanz, Hahnenkamm
blühen
wild durcheinander!

Drei schmale,
verrutschte, ausgetretene
Steinstufen,
aus deren klaffenden Fugen dickbüschelig sich Gras zwängt,
führen
in eine niedere
türlos, gähnend, lehmbodig
offene,
schon halb verfallene
Mooskate,
deren
morsche vier Fensterläden
nur noch
knapp in ihren verrosteten Angeln hängen.

In einem schäbigst,
erbärmlichst, staubgrau unscheinbaren,
wie
bereiften, raupenzerfressenen
Apfelbäumchen
mit
kleinen, giftgrünen,
braunschwarz madenlöcherigen
Knollenfrüchtchen,
umbrummt von Hummeln, umsummt von Bienen,
umtummelt von Schmetterlingen,
wahrhaftig.
ganz deutlich,
zwischen einer Gabelung,
ich
recke mir fast ... den schweißtriefenden ... Hals aus,
ich balanciere mit Mühe auf meinem Stein, ich falle entzückt beinahe von ihm runter,
hing der Tod ... seine Sense auf!

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Der volkstümliche Tod

Recht derb geht es in diesem Kurzgedicht über den Tod zu. Aber der Tod ist in dieser Hinsicht auch kein Kind von Traurigkeit. Der Bezug zum „alten Volkslied“ ist der erste Vers des Erntelieds.

Hans Retep · geb. 1956

Aus einem alten Volkslied

Es ist ein Schnitter, heißt der Tod,
hat Gewalt übern lieben Gott.
Er schneidet all seine Kinder tot
und presst sie durch die dunkle Fott.

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Macht und Tod

Ein Gedicht, das anerkennt, wer auf diesem Planeten und darüber hinaus letztendlich das Sagen hat.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Die Macht

Du kannst in die tiefste Höhle klettern,
der Tod
ist ein Lavastrom.

Du kannst den Weltrekord über 100 Meter brechen,
der Tod
ist ein Gepard.

Du kannst ins unermessliche Weltall fliehen,
der Tod
ist ein schwarzes Loch.

Es hilft kein Beten
zu Gott oder Teufel,
kein Jammern, kein Klagen,
der Tod hat die Macht,
wird Aufschub versagen.

Du kannst nur mit ihm leben,
und wenn es so weit ist,
dich ergeben.

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Der Tod betritt das Zimmer

Hier malt sich ein lyrisches Ich aus, wie das sein wird, wenn der Tod ins Zimmer tritt und der Übergang ins Jenseitige erfolgt

Max Herrmann-Neiße · 1886-1941

Das Sterben

Schritt, der im Hofe hallt,
ängstet wie Henkersschritt.
Drohend die stumme Gestalt
nachts in mein Zimmer tritt.

Tastet wie spottend am Spind,
eh sie das Haar mir berührt,
dass mich ein eisiger Wind
fester ans Lager schnürt.

Einmal durchs Blut noch hallt
jäh meiner Straße Ton -
dann geschieht mir Gewalt
über den Sternen schon.

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Der Begleiter

Wenn man sich selbst entfremdet ist, gibt’s da immer noch jemanden wie in diesem Gedicht, der einen treu begleitet. Wer? Nun, das Thema dieser Seite macht die Lösung nicht schwer.

Oskar Wöhrle · 1890-1946

Bildnis

Ich schreite und stehe doch still.
Ich leide und treib doch ein Spiel.
Ich weite und bin doch Zwang.
Ich läute und doch kommt kein Klang.
Ich passe und doch ist’s nicht Ruh.
Ich hasse und sage doch du!
Ich fasse die eigene Hand,
Als hätt’ ich nie Fremdres gekannt.
So schein’ ich ein ewiger Kreis,
Umschrein’ ich und gebe doch preis.
So schein’ ich ein rätselig Land,
Beforscht und doch gar nicht erkannt.
Trotzdem bin ich niemals allein.
Es wandert noch einer im Reih’n.
Ich hör seinen schlurfenden Schritt,
Er keucht mit dem meinigen mit.

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