Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Abschiedsgedichte

So ist das halt im Leben, irgendwann muss man sich verabschieden. Die Art, wie Dichter den Abschied in Gedichten verarbeitet haben, ist sehr unterschiedlich, so wie Trennungen im Guten oder Bösen erfolgen können. Mancher resigniert und mancher sammelt neue Kräfte, denn jedes Ende ist auch wieder ein Anfang.

 

Ein Abschiedsgedicht von Tucholsky

Zu Anfang ein paar Gedichte über einvernehmliche Trennungen. Tucholsky sieht in seinem Abschiedsgedicht weiter hinaus.

Tucholsky: Aus!

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Ein Abschiedsgedicht von Ringelnatz

Ringelnatz zelebriert in seinem Gedicht einen einvernehmlichen Abschied, denn er weiß, es ist besser so.

Ringelnatz: Es ist besser so

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Gedicht über einen inneren Abschied

Wenn der eine innerlich sich schon abgelöst hat, während die andere davon nichts weiß, und die Akteure gefangen sind in der verfahrenen Situation, das ist das Thema dieses Abschiedsgedichts.

Schnitzler: Anfang vom Ende

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Abschied am Morgen

In kurzen Versen, sozusagen auf der Schwelle geschrieben, verabschiedet sich hier jemand am frühen Morgen von der Liebsten.

Mörike: Früh im Wagen

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Der schweigsame Abschied

Obwohl in diesem Abschiedsgedicht viel wörtliche Rede drin steckt, ist es doch ein Abschied durch Schweigen.

Rolf Wolfgang Martens · 1868-1928

Tränen ...

Tränen.

„Lebe wohl!“

Plötzlich umklammert sie mich,
blickt mir ins Auge,
lange.

„Ich danke dir!
Für jedes liebe Wort, das du mir gesagt hast!“

Ich streichle ihr mit der Hand übers Haar.

„Kommst du wieder?“

Ich schweige und küsse sie.

 

Verwelkt

Einen Abschied mit verwelkten Blumen und in Reimmonotonie zelebriert Hermann Löns in diesem Gedicht.

Löns: Totenblumen

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Ein Abschiedsgedicht von Rilke

Rilke versucht wie immer mit seiner ganz eigenen bildlichen Sprache dem Ding, das Abschied heißt, in einem Gedicht auf den Grund zu gehen.

Rilke: Abschied

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Abschied eines Dichters

Wenn einem Dichter die Worte fehlen, dann muss es wahre Liebe gewesen sein. Darauf plädiert der Dichter in diesem Abschiedsgedicht.

Adam Kuckhoff · 1887-1943

Gedicht für Greta

Andern hab ich manchen Vers geschrieben,
dir nur hier und da ein kleines Wort.
Zeugt das nicht von kleinrer Kraft im Lieben?
Geh ich nicht als Schuldner von dir fort?

O Geliebte, ungemessen
war die Liebe, die uns zwei verband.
Über ihr hab ich das Wort vergessen,
weil jeder Tag uns in ihr fand.

Denkst du an das Blut in deinen Lungen?
Sprichst du von der Luft, die dich umgibt?
Nein, ich hab dich nicht besungen,
nur geliebt.

Kommentar:
Das Gedicht Adam Kuckhoffs an seine Frau ist auf den 04.02.1943 datiert. Es entstand im Gefängnis. Noch im gleichen Monat wurde er wegen seiner Mitarbeit in der von den Nazis so genannten Roten Kapelle zum Tode verurteilt und ein halbes Jahr später hingerichtet.

 

Gedicht über einen stillen Abschied

Dieses Abschiedsgedicht, in dem sich jemand nächtlich aus dem Staub macht, steht am Anfang des Gedichtzyklus Winterreise, die von Franz Schubert vertont wurde.

Müller: Gute Nacht

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Abschied und Auszug

Hier zieht ein Liebender aus, aber wenn man ans Sterben denkt, scheint der Schnitt sehr tief zu gehen.

Müller: Der Lindenbaum

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Kein Urlaubsabschied

Auch wenn der Titel den Eindruck erzeugt, hier ginge es um Urlaub, geht es doch um das Übliche: Einer hat’s verpatzt und verloren ist das gemeinsame Paradies.

Hans Retep · geb. 1956

Abschied von der Südsee

Du bist so schön wie eine Südsee-Insel,
mit dir zusammen lebt’ ich Urlaub pur.
Und doch war ich ein rechter Einfaltspinsel,
hielt fest an schaumig-süßen Träumen stur.

Du wolltest mehr: das große, harte Leben,
um Kinder sorgen, tapfer bleiben in der Not.
Du warst bereit, dich ganz und gar zu geben,
doch schreckte ich vor meiner Träume Tod.

Ich wollte nur die Sonne, keine Qualen,
ein schattenloses Sein beherrschte wohl mein Haupt.
Den kleinsten Preis, den mochte ich nicht zahlen
und habe selbst der Südsee mich beraubt.

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Vom Weggehen

Arno Holz verabschiedet hier jemanden in Dreizeilern, bei denen sich die letzte Zeile nicht reimt – es gibt kein Zurück.

Holz: Ein Abschied

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Abschied auf Probe

Wie es sein sollte, wenn er nicht mehr wäre, probiert jemand in diesem Abschiedsgedicht aus.

Stephan Milow · 1836-1912

Vermächtnis

Ich habe Sonnentage froh gelebt!
Ob viele, wenige – wer fragte bang?
Unmessbar bleibt, was, flüchtend, still verschwebt
In die Vergangenheit; da ist nichts lang,
Nichts kurz: es war! dies Wort verkündet alles.
Ich habe Sonnentage froh gelebt!
Ist das kein Trost, trotz jeglichen Zerfalles,
Vor dem die Seele banggeängstigt bebt?
Und mehr: ich lebe! lebe, lichtumflossen,
Die Gegenwart; es liegt vor mir die Welt,
Rings wallt und wogt es, tausend Triebe sprossen,
Und wie die Brust mir stiller Jubel schwellt,
Dünkt dieses Feuer mir der Lebensfunken,
Der alles nährt, und wie ich, angefacht
Von innen, in der Runde Bild versunken,
Strahlt alles hell in bunter Farbenpracht.
Und du bist mir geschenkt! Das schönste Band
Verknüpft uns fest zu seligstem Entzücken,
Und was ich je Beglückendes empfand,
Es will durch dich mich doppelt tief beglücken.
Ich bange süß erglüht an deinem Munde
Und fühle ganz die Lust: ich bin bei dir!
Gib einen Kuss für tausend, eine Stunde
Der Seligkeit gib für Äonen mir!
Und müsst’ ich morgen sterben, weine nicht!
Erfülle einen Augenblick nur ganz:
Das ist die Ewigkeit! Mein Auge bricht,
Doch du bewahr’ in deinem feinen Glanz,
Du spiegle fort das goldne Licht der Sonne,
Du trage weiter, was in mir entschlief,
Und hüte treu im Herzen all die Wonne,
Die ich mit dir gefühlt so voll, so tief!
Wenn ich dann war, so denke nicht, wie lang,
Und dass ich allzufrüh geschieden – nein!
Du weißt, ich lebte, voll von Himmelsdrang,
An Stunden reich, die schon ein ganzes Sein.
Am schönsten feierst du mein Angedenken,
Da, lächelnd du, wie sonst, die Welt entzückst,
Und selber, was dir hold die Götter schenken,
Mit sanfter Rührung an den Busen drückst.

 

Abschied mit Geschrei

Ein herzzerreißendes Abschiedsgedicht liefert Paul Scheerbart, denn es ist sicher alles nicht so gemeint, oder?

Scheerbart: Abschiedslied

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Abschied und Rückkehr

Das ist mal ein Gedicht, wo das Versprechen auf Rückkehr wichtiger ist als der Abschied.

Robert Burns · 1759-1796

Das Lied von der roten, roten Rose

Gleich einer roten, roten Rose
Ist meine Liebe frisch erblüht:
Als ob die Melodie erklänge
von einem unvergess’nen Lied.

Du bist so schön, mein feines Mädchen,
Dass meine Liebe nie verrinnt:
Und dich, mein Schatz, werd’ ich noch lieben,
Bis alle Meere trocken sind.

Bis alle Meere trocken sind
Und in der Sonne Steine sieden:
Und dich hab’ ich noch immer lieb,
So lang dem Leben Zeit beschieden.

Und nun leb wohl, mein liebster Schatz,
Ich muss so fern von dir verweilen!
Doch komme ich gewiss zurück
Und müsst’ ich gehn zehntausend Meilen.

(Übertragen aus dem Englischen von Hans-Peter Kraus)

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Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:
Die Originalversion finden Sie bei poetsgraves. Der erste Vers des Originals „My love is like a red, red rose“ zeigt sehr schön, welche Probleme eine Gedichtübertragung vom Englischen ins Deutsche haben kann. Der Vers hat im Original acht Silben, übersetzt man ihn wörtlich (Meine Liebe ist wie eine rote, rote Rose) ergeben sich 14 Silben. Eine wörtliche englisch-deutsche Übertragung hat oft wesentlich mehr Silben. Da ich aber auf jeden Fall die „red, red rose“ retten wollte, musste ich ein bisschen improvisieren.

Aufgrund dieser Probleme habe ich gar nicht erst versucht, die Chevy-Chase-Strophen nachzubilden mit abwechselnd vier und drei Hebungen und ausschließlich männlichen Kadenzen, also Hebungsabschluss. Dadurch hat sich ein Dreheffekt in der Mitte des Gedichtes ergeben, was auch ganz nett ist, aber im Original nicht so deutlich herauskommt.

Bei der Liedersammlung Recmusic gibt es eine Übertragung aus dem 19. Jahrhundert. Dort hat der Übersetzer das Chevy-Chase-Schema eingehalten. Dafür musste er dann andere Eigenständigkeiten einbauen.

 

Bitteres Abschiedsgedicht

Oh, oh, mit einem „Todeskuss“ verabschiedet sich ein ehemals Liebender. Das muss so etwas wie Hass auf den letzten Blick sein.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Schluss mit Kuss

Ich denk zurück
an all die Jahre,
die unser Glück,
das vormals wahre,
lag auf der Bahre.

Nun wünsch ich dir –
gar keine Frage –
schon jetzt und hier
bequeme Lage
in deinem Sarge.

Die Welt, sie wär
ganz zweifelsohne,
wenn dich träf wer
mit ’ner Kanone,
der Schöpfung Krone.

Als Philosoph
kann ich gut warten
und halt nicht doof
bereit den Spaten
zu Grabestaten.

Ganz großer Sport
zum guten Schlusse:
Ich gehe fort
befreit vom Stusse
mit einem Kusse.

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