Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte übers Sterben 1

Manch ein Dichter hat sich Gedanken darüber gemacht, wie es sein wird, wenn er stirbt. Andere fassten das Miterleben des Sterbens in ein Gedicht. Der Grundtenor der meisten Gedichte über das Sterben ist, dass es zum Leben dazugehört, es folglich nichts zu fürchten gibt.

 

Spekulationen übers Sterben

Hier malt sich der Dichter aus wie es sein wird beim Sterben, das er sich – in entsprechende Bilder verpackt – als sanftes Hinübergleiten vorstellt.

Schüler: Das Ende wird so wie der Anfang sein

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Letzte Erinnerung

Dieses Gedicht übers Sterben enthält ein Liebesgedicht als letzte schöne Erinnerung ans Leben. Der Rest ist Ergebung ins Schicksal.

John Henry Mackay · 1864-1933

Der letzte Tag

Geh’ stiller, meines Herzens Schlag,
Und schließt euch, alle meine Wunden –
Denn heute ist mein letzter Tag,
Und dies sind seine letzten Stunden!

*

Verstumme, klägerischer Mund!
Beschwichtige dich, Rebell: Gedanke!
Ich schließe heute einen Bund,
Der setzt euch beiden eine Schranke.

Jawohl, Empörer, es ist aus!
Die Kraft, die euch erhielt, verdorrte –
Wie bald, und leer steht euer Haus!
Schon schloss sich seine morsche Pforte ...

*

Was willst du, Leben, noch von mir?
Nein, deine Macht hat sich verloren.
Ich sage lächelnd Abschied dir:
Mich hat dein Sieger auserkoren.

Schon steht er wartend. Und er reißt
Von meiner Lippe deinen Becher.
Dort klirrt er hin – in Trümmer gleißt
Sein Glanz nur dem bestohlenen Zecher.

Der lehnt die kalte Stirn zurück ...
Und in die ungeheuren Welten
Schaut er mit einem letztem Blick,
Dem alle Nächte sich erhellten! –

*

Mir wird kein letzter Wunsch gewährt;
Nichts lindert diese letzten Leiden ...
Roh ward der Becher ausgeleert –
Noch sterbend muss ich mich bescheiden.

Doch dürfte ich den letzten Tag
Mit einem letzten Wunsche füllen,
So möge mir sein hastiger Schlag
Noch einmal dieses Bild enthüllen:

*

Es war ein durstiger Sonnentag
Und Herbst schon ... Hoch im Rebgelände,
Von wo das Augen schauen mag
Weit in die Welt, weit – ohne Ende – –

Dort lagen wir, dicht, Brust an Brust ...
In Sehnsucht jahrelang geschieden
Und ihrer Kraft noch unbewusst
Fand unsere Liebe hier den Frieden.

Du schwiegst – ich schwieg ... dann sprach ich leis,
Und sprach von allem, was ich dachte ...
Herz wurde mir und Wange heiß ...
Es küsste mich dein Mund und lachte ...

Und langsam losch des Tages Schein –
Wir sahn des Stromes stilles Fließen ...
Ich starb in Glück – und du wardst mein,
Mein in berauschendem Genießen! – –

*

Geh’ stiller, meines Herzens Schlag!
Und schließt euch, alle meine Wunden –
Denn heute ist mein letzter Tag,
Und dies sind seine letzten Stunden!

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Gedanken über den Tod

In diesem Gedicht ist der Tod als Endpunkt des Sterbens gemeint, obwohl auch der personifizierte Tod in den ersten Strophen anklingt.

Adam Kuckhoff · 1887-1943

Der Tod ist nicht schwer

Schwimme hinaus, Schwimmer,
hafte nicht an der Küste.
Das Wasser ist schon die andre.
Wer an der hängt, die er verließ,
ist kein Schwimmer, er hat nie geschwommen.

Dass ihn der Tod erwarte,
schreckt ihn nicht:
Auch der ist Küste.
Der Aufbruch gilt,
der ohne Rückkehr ist.

Ich fürchtete den Tod,
bevor ich ihn sah.
Aber dann sah ich den Sterbenden
und den Toten.

Es ist schwer zu sterben,
aber der Tod ist nicht schwer.
Möchte ich denken,
dass er nicht schwer ist,
wenn ich ihn sterben soll,
ob er mich von innen befällt,
ob er eine Kugel ist
in den Hinterkopf.

Der Vater starb,
er war alt, aber noch rüstig.
Ich fand ihn vollendet.
Ein Freund starb
in der Mitte des Lebens.
Er hatte geschaffen, was er vermochte.
Ich fand ihn vollendet.
Ein Flieger fiel herunter,
er hatte alles Glück erfahren,
aber das Unglück wartete sichtbar auf ihn.
Ich fand ihn vollendet.

So brich denn auf
und denke nicht, was dich erwartet.
Einmal ist es immer der Tod,
darum fürchte ihn nicht.

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Sterbewunsch im Mai

Ausgerechnet im so genannten Wonnemonat möchte sich hier ein unbekannter Dichter zum Sterben hinlegen.

Unbekannt

Wunsch

Im Mai möcht’ ich einst sterben,
Wo ich geboren bin;
In einer stillen Mainacht
Tragt mich zum Grabe hin.

Wenn golden schaut die Sonne
Mir in das Kämmerlein
Und vor dem letzten Scheiden
Mich hüllt in ihren Schein;

Wenn mir die blauen Blümlein
Noch einmal nicken zu,
Eh’ sie die Äuglein schließen
Und gehen zu kurzer Ruh’;

Wenn durch das offne Fenster
Das Abendwehen dringt,
Und von dem Fliederbaume
Der Vöglein Lied verklingt.

Nicht möcht’ ich einstmals sterben
zu kalter Winterszeit,
Wenn raue Winde sausen,
Die Erde ist beschneit.

Im Mai möcht’ ich einst sterben,
Wo ich geboren bin;
In einer stillen Mainacht
Tragt mich zum Grabe hin.

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Letzte Augenblicke

Im doppelten Sinn beschäftigt sich dieses Gedicht über das Sterben mit den letzten Augenblicken.

Otto Pick · 1887-1940

Sterben

Vier Wände und das Meiden eines Blickes,
Der wissend aus entrücktem Winkel fährt.
Beklommenheit verwirkten Augenblickes,
Der ewig währt, grausam und unverklärt.

Und hinter Vorhangfalten Wolkenjagen,
Sternschnuppenfall, Laternen, Straßenkot.
Zersplitternd Bild, im Stöhnen fortgetragen. –
Und wieder nichts als blinder Sturz von Tod.

Oh, dass jetzt alle Augenblicke auferstünden,
Wo Licht und tiefe Lust die Welt besaß!
Gott, gib ein leichtes Münden
In Seligkeiten ohne Maß ...

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Ans Sterben denken

Dran mag man eigentlich nicht denken: ans Sterben. Doch in diesem Gedicht wird der Gedanke daran bejaht, denn das Sterben schweißt uns zu einer hohen Gemeinschaft zusammen.

Werfel: Hohe Gemeinschaft

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Gedicht über die letzten Stunden

Das Sterben des Anderen wird in diesem Gedicht eindringlich beschrieben.

Heym: Letzte Wache

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Kommentar:
Interessant bei der Bauweise ist, dass Heym in diesem Gedicht übers Sterben ab der dritten Strophe das Metrum komplett wechselt. Er begann mit einem Jambus (xX), der aber auch schon etwas unregelmäßig gebaut war, ab „Morgen ...“ nutzt er einen Trochäus (Xx). Für eine Analyse des Gedichtes wäre dieser Wendepunkt von der Gegenwart zur Zukunft also genau herauszuarbeiten.

 

Sterben und weiterleben

Dieses Gedicht übers Sterben ist unübersehbar zweiseitig, einerseits geht ein Leben zu Ende, andrerseits geht dieses Leben im Leben anderer weiter.

Michael Hokamp · geb. 1965

Gehirntumor

klopf klopf klopf    ich bring den tod
tod im kopf          verbreite not

klopf an stirn       ich bin der tod
krebs frisst hirn    blut blutet rot

hoffnung tot         ein Teil von mir
angst lebt auf       stirbt hier mit dir

krampf und schmerz   ein Teil von dir
dein gutes herz      lebt dann in mir

nicht verkrampft     ist bald vorbei
ruhe sanft           bist dreierlei

UrheberrechtshinweisGedicht per E-Mail versenden

Kommentar:
Mehr von Michael Hokamp bietet www.wortkuenstler.de.

 

Gedicht über einen letzten Wunsch

Das mythologische Bild von der Überfahrt vom Leben zum Tod bestimmt dieses Gedicht übers Sterben.

Dehmel: Letzte Bitte

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Expressionistisches Sterbegedicht

In der phantasievollen Bildersprache des Expressionismus’ wird hier über das Ende geschrieben. Der Dichter selbst starb wie so viele andere seiner Generation einen gewaltsamen Tod.

Hans Leybold · 1892-1914

Ende

Die Wellen meiner bunten Räusche sind verdampft.
Breit schlagen, schwer und müd
die Ströme meines Lebens über Bänke
von Sand.
Mir schmerzen die Gelenke.
In mein Gehirn
hat eine maßlos große Faust sich eingekrampft.

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Der letzte Moment

In Erinnerung an frühzeitig im Ersten Weltkrieg getötete Dichter, die in der expressionistischen Zeitschrift Die Aktion Gedichte veröffentlicht hatten (auch ein Franzose ist dabei!), beschreibt Ludwig Bäumer den letzten Moment des Lebens auf beeindruckende Weise.

Ludwig Bäumer · 1888-1928

Den Gefallenen der Aktion

(Hans Leybold, Charles Péguy, Ernst Stadler)

Hinter euch brach es entzwei ...
Und plötzlich fühltet ihr euch unter dem großen Schatten
Und wusstet, dass die Dinge euch verlassen hatten
Und nicht ihr sie − und ihr stauntet in das Vorbei.

Dann habt ihr gelernt, was Alleinsein ist.
Wie habt ihr euch gebäumt!
Und in euren Hirnen hat es geträumt:
Bleichblanke Bilder und viel Sehnsucht um Frist.

Oh! Und der Gedanke an Verlust! Entsetzendstes Entsetzen!
Wie er euch hochriss aus euren braunen Wunden.
Ihr habt geschrien und eure Arme aus den Gelenken gewunden,
Sie der Flucht aus euch hinterherzuhetzen.

Wie es euch lästert, das Vollbringen −
Ihr seid unter einen fremden Himmel geritten −
O dunkles Schon!
O Tod auf deinem pfeifenden Schlitten,
Lass ihrer Leiber Landschaft frühlingen.

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Christliches Sterbegedicht

Ganz in der christlichen Tradition verhaftet ist dieses Gedicht übers Sterben, was man einerseits als Nachahmung andererseits als Zeitlosigkeit bezeichnen könnte.

Alfons Paquet · 1881-1944

Wohin ich jetzt gehe ...

Wohin ich jetzt gehe,
ist hell lichter Tag.
Den Weg, den ich gehe,
geht keiner mir nach.

Ihr Weinenden glaubet
ich steige ins Grab.
Ich leg mein bestaubet
Gewande nur ab.

Mein Gott, der ist stille
und lädt mich zur Ruh,
doch misst mir sein Wille
viel Freuden noch zu.

Ja, wenn mich im Dunkel
eu’r Auge verlor,
ich bin zum Gefunkel
der Himmel empor.

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Letzte Gedanken

Noch einmal kurz nachdenken, bevor man in Frieden geht, das ist der Wunsch dieses Gedichts übers Sterben.

Richard von Schaukal · 1874-1942

An der Schwelle

An der Schwelle vor dem Dunkel denk:
War nicht alles, was dir ward, Geschenk?

Sonnenschein und Amselruf und Blau,
Kinder und die Liebe deiner Frau?

Hast du etwas dir verdient? Sag nein,
und geh arm und wahr zur Wahrheit ein.

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Ein Gedicht auf Leben und Tod

Eine etwas engelhafte Vorstellung von Leben und Tod im Krankenzimmer verbreitet dieses Gedicht übers Sterben.

Werfel: Der allerletzte Augenblick

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