Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte über den Tod 2

Was kommt nach dem Leben? Das ist eine Frage, die Menschen seit Jahrtausenden beschäftigt. Die Hoffnung, dass da noch was kommt, stirbt im wahrsten Sinne des Wortes zuletzt. Natürlich haben sich auch die Damen und Herren Dichter spekulativ mit dem Tod als Zustand beschäftigt. Auf dieser Seite finden Sie einige der Phantasien, zu denen sich Dichter beim Thema Tod aufgeschwungen haben.

 

Nahtoderfahrung

Ganz nah dran an den Tod geht Theodor Storm in diesem langen, langen Gedicht.

Storm: Im Zeichen des Todes

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Die andere Seite

Nur einen Blick auf die andere Seite werfen, aufs Jenseits, das ist ein uralter Wunsch der Menschheit, der hier in einem Gedicht auf naive Weise thematisiert wird.

Rolf Wolfgang Martens · 1868-1928

Ich möchte wissen, bestimmt wissen ...

Ich möchte wissen, bestimmt wissen,
was hinter der großen schwarzen Mauer ist.

Das alte fromme Tantchen
erzählt bunte Geschichten.

Niemand hat dahinter gesehn!

Versuch ich’s, hinüber zu klettern,
und bind ich auch alle Leitern zusammen,
ich komm nicht weit!

Und will ich durchs Tor,
durch das einzige,
so schreckt mich der große, unerbittliche Engel
mit dem Flammenschwert.

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Das Jenseits und der Tod

In einem Selbstgespräch werden verschiedene jenseitige Möglichkeiten durchgespielt, doch allein es fehlt der Glaube, dass der Tod nicht alles nimmt.

Otto zur Linde · 1873-1938

Ihr sagt: dann fliegt als ein Schmetterling ...

Ihr sagt: dann fliegt als ein Schmetterling
Deine Seele über deinem Grab im Frühling.
Nein, nein, der Tod will nicht betrogen sein.
Ihr sagt: dann singt als eine Amsel im Baum
Deine Seele süßen seligen Sehnsuchtstraum.
Nein, nein, der Tod will nicht betrogen sein.
Ihr sagt: allen Toten ist ein Thule erblüht,
Wohin die Flottille der seligen Seelen zieht.
Nein, nein, der Tod will nicht betrogen sein.
Ihr sagt: aus deinem Sarg und aus deinem Leib
Blüht eine Blume, wächst ein Strauch,
Wehrt sich ein Baum auf und kommt an die Sonne herauf.
Nein, nein, der Tod will nicht betrogen sein.
Ihr sagt: auf deinem Stein
Graben wir dir deinen Nachruhm ein?
Nein, nein, der Tod will nicht betrogen sein.

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Ein Gedicht über die Toten

Hier haben die Toten das Wort. Das Gedicht verpackt sehr stilvoll eine eigentlich banale Erkenntnis.

Meyer: Der Chor der Toten

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Noch ein Gedicht über die Toten

Dieses Gedicht über die Toten ist nicht besonders nebulös, obwohl der Nebel eine große Rolle darin spielt.

Dauthendey: Unsere Toten

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Stimme aus dem Jenseits

In diesem Gedicht spricht nur ein einzelner Toter, aber er hat Wichtiges über Leben und Tod mitzuteilen.

Mühsam: Der Tote

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Erinnerungen eines Toten

Etwas diffus und durcheinander sind die Erinnerungen eines Toten in diesem Lebenslied. Dies liegt vor allem an der Karriere des jeweiligen Mittelverses einer Strophe.

Werfel: Ein Lebenslied

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Ein expressionistisches Gedicht über den Tod

Die Zeit kurz nach dem Ableben erforscht dieses Gedicht aus expressionistischer Sicht. Dabei gelingt es dem Dichter aus meiner Sicht, die Balance zu halten zwischen expressionistischen Eigenarten und der Vermittlung eines Gefühls vom Tod eines Menschen.

Hans Leybold · 1892-1914

Der Tod des Menschen

Er hatte auf einmal kein Gesicht mehr.
Wo das sonst war, war nun eine weiße Fläche.
Seine Augen waren hinter die Schädelwand gerutscht.
Die Hände lagen unter seinen Füßen: man wusste
nicht, wie sie dorthin gekommen waren.
Seine Stimme war unter den Tisch gefallen; hatte
dort gescheppert, wie ein Tonteller; und war
dann plötzlich zerbrochen, mit einem letzten Klang.
Eine unvermutete Zigarre rauchte sich selbst auf.
Blies blaue Dünste.
Die krochen schweigsam in die getilgten Nasenlöcher des Menschen.
Da bissen sie sich fest; kratzten unnervige Wände. – –

Des Menschen Seele aber stolperte schon in paradiesischen Feldern.
Keine Windmühle störte seine nichterhoffte Aussicht.
Der Blick war weit und groß und grün.
Insekten tanzten golden.
Äcker brannten.

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Vom Schweigen und vom Schreien

Was man im Leben versäumt, kann man im Tod nicht mehr nachholen, das ist die banale und dennoch eindringliche Botschaft dieses Gedichts über den Tod.

Otto zur Linde · 1873-1938

Ich hab in langen Nöten ...

Ich hab in langen Nöten
Mein Herz zu fest gepresst.
Ich wollt den Schrei ertöten,
Der mich nicht schlafen lässt.

Ich hab den Schrei beschwiegen –
Oh Stille um mich her!
Nun muss auf Asche liegen
Mein Herz und schlägt nicht mehr.

Nun möcht ich Stimmen rufen
Aus Wänden meiner Not.
Ach, ich sank tausend Stufen
Hinab bis untern Tod.

Bis unter all Erinnern
Und in den grauen Schlaf,
Nun weck ich nie im Innern
Stimme und Flamme mehr auf.

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Der Toten Zuhause

Ein eigenartiges Gedicht über die ehemaligen Zimmer der Toten hat Franz Werfel hier geschrieben. Auffällig die sich klanglich nicht recht einfügende Schlusszeile der Strophen und auch inhaltlich bietet das Gedicht einige merkwürdige Einblicke ins Totsein.

Franz Werfel · 1890-1945

Litanei von den Zimmern der Verstorbenen

Die ausgestoßenen Toten,
Sie liegen auf Lauer umher.
Die Luft ist voll Wiederkehr,
Doch ihr Heim bleibt ihnen verboten.
Die Tische, die Bänke, die Schränke,
Ihre Habe beherrschen nun wir.
Und berührt unsere Hand ihr Klavier,
Fühlt der Klang, welche Lauscher er kränke ...
Oh erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

Man hat ein wenig geweint
Und geraschelt mit Kränzen und Maschen.
Doch wer starb, ist schon morgen ein Feind.
Das Haus wird geputzt und gewaschen.
Sie räuchern, sie klopfen, sie bohnen,
Der Tote wird aus den Stuben gestaubt,
Und es ist ihm nicht einmal erlaubt,
Im Schatten seines Bettes zu wohnen.
Oh erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

Ich öffne ein ältliches Buch,
Da zerbrechen die Zeilen und knicken.
Eine Vase geht plötzlich zu Bruch,
Und die Uhr hetzt mit stichelndem Ticken.
Des Lehnstuhls harrende Mulde,
Sie höhlt sich so leer und verwaist,
Und der Ausdruck des Diwans beweist,
Dass ich ihn den Verstoßenen schulde.
Oh erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

An der Tür ein kurzes Geschell!
Kein Besuch ist draußen zu finden.
Doch, schließt man auch ängstlich und schnell,
Findet’s Zeit, herein sich zu winden.
Was folgt uns ins Zimmer aus finsterem Flur?
Was wittert am Boden mit Näherstreben,
Was sucht eine arme Schnauzevoll Leben
Auf seiner eigenen verwaschenen Spur?
Oh erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

Der lungernde Vagabund
Darf niedersitzen zu seiner Grütze.
Und der räudigste Hungerhund,
Er säuft und spiegelt sich in der Pfütze.
Doch wo soll der goldne Magnat
Seine badeverwöhnten Glieder nun dehnen?
Und die Spiegel, nach denen die Frauen sich sehnen,
Grinsen vor Leere, wenn eine naht.
Oh erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

Ja, wir erben und üben Verrat!
Wir haben sie ausgebeten.
Nun sind sie die Lumpenproleten
In Gottes verborgenem Staat.
Und vielleicht bedeutet der Zeit
Brandwolke, das All-Erbosen,
Die Rache der Obdachlosen,
Denn der Tod ist ein riesiger Neid!
Oh erbarmt euch der Toten! Bald sind wir bei ihnen.

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Tote Zukunft

Einen Blick in die Zukunft als Toter wagt dieses Gedicht und kommt dabei zu einer unausweichlichen Schlussfolgerung.

Busse: Zukunft

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Kommentar:
Es gibt einige Auffälligkeit in der Bauweise des Gedichts. Einmal natürlich die Verwendung des Infinitivs mit und ohne Ausstanzen (Ellipse) des „e“ in der ersten Strophe. Dann der monotone Rhythmus der ersten beiden Strophen mit ihren parallelen Satzbauten. Bei den ungeraden Zeilen liegt die Hauptbetonung am Anfang, bei den geraden kurz vor Schluss. Dieser Rhythmus wird erst in der letzten Strophen gebrochen, wo am Schluss dann sogar jeweils eine unbetonte Silbe am Anfang steht.

 

Das Leben geht weiter

In diesem Gedicht stellt sich jemand vor, wie das Leben nach seinem Tod weitergeht. Das Gedicht ist etwas süß-sauer, denn so recht glaubhaft wirken die Lobeshymnen auf die florierende Wirtschaft nicht. Möglicherweise ist die Botschaft eine ganz andere.

Emily Dickinson · 1830-1886

Sollt’ ich einst sterben ...

Sollt’ ich einst sterben –
Und du noch leben –
Und die Zeit noch gluckern –
Und der Morgen noch strahlen –
Und der Mittag noch brennen –
Wie es immer war –
Falls Vögel früh noch nisten
Und Bienen wie stets eilen,
Mag man nach unten gehen,
In Ruhe dort verweilen!
’s ist nett zu wissen, dass Aktien halten,
Wenn wir bei Gänseblümchen liegen –
Dass Handel und Gewerbe überdauern,
Die Umsätze noch immer fliegen –
Es macht den Abschied friedlich,
Die Seele bleibt stets heiter –
Dass gute Männer voller Leben
Hoch oben stehen auf der Leiter!

(Aus dem Englischen übertragen von Hans-Peter Kraus)

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